Montag, 21. April 2008

Vince-Dan: 001 267 494 2427

Falls das gerade irgendeine leichtsinnige, naive Single Frau liest, die schon immer mal was mit einem Amerikaner anfangen wollte und auf arbeitslose, rothaarige, dickbaeuchige Maenner Mitte 40 steht, moege sie doch bitte einfach oben genannte Nummer waehlen. Vince-Dan ist naemlich auf der Suche und er ist mehr als verzweifelt. Dass ich ihn kennen lernen musste, hat er mir quasi aufgezwungen.
 
Larissa hat am Wochenende bei mir geschlafen (wie damals). Die Flasche Wodka, die Daniel mir freundlicherweise noch gekauft hat, bevor er wieder geflogen ist (Traurigkeitsgesicht), sollte angestochen werden und am Samstag dann nach Philadelphia gefahren werden, um abends der wunderbaren Kate Nash zu lauschen. Soweit der Plan. Freitag war dann auch relativ genial, da so ein schoenes Schlueckchen Wodka doch noch anders wirkt als ein Glas Rotwein. Dementsprechend fuehlte ich mich dann gegen zehn Uhr bereits zu nichts mehr im Stande und bin schlafen gegangen. Da es Larissa aehnlich ging, war das ja alles kein Problem. Gut. Der Samstag morgen kam und verging, sodass wir kurz vor Mittag uns aus den Betten quaelten und ein ordentliches Cereal Fruehstueck zu uns nahmen. Es wurden ein paar (Weiss)Brote geschmiert und nochmal die Zugverbindung herausgesucht. Wir wollten naemlich den Zug runter nach Trenton nehmen, dort umsteigen und nach Philly so reinfahren, damit wir nicht den Umstand mit Auto/parken/Orientierungslosigkeit/Verwirrung hatten. Der Zug fuhr um eins und wir bewegten uns in die Dusche. Um 20 vor entschied ich mich noch spontan, Nudeln zu kochen, die dann zehn vor fertig waren - Larissa war noch am Zaehneputzen. Irgendwann wurde auch mir klar, dass wir den Zug wohl nicht schaffen wuerden und da wir uns eh keinen unnoetigen Stress machen wollten, war der Plan einfach, den Zug eine Stunde spaeter zu nehmen. Und ich muss sagen, gottseidank haben wir den Zug verpasst, denn dadurch, dass wir noch so viel Zeit hatten, guckte Lisa nach, wann denn der letzte Zug aus Philly wieder zurueck fahren wuerde und wie sich herausstellte, fuhr dieser frecherweise schon um 11. Hola die Musch, gut, dass wir das nicht gemacht haben - wir haetten in South Philly pennen muessen und waeren erschossen wurden und am naechsten Tag haette es im Star Ledger gestanden. Wie ein Skandal, den man in der Zeitung liest, aber wo man selbst ein Teil von ist. Der Opferteil. 
Die liebe Lisa hat also unser Leben gerettet und wir nahmen kurzerhand doch das Auto, wobei ja schon wieder gefuehlte 100 Anspielungen auf meinen nicht-Orientierungssinn gemacht wurden, aber ich liess mich nicht entmutigen, wuerde schon klappen. Jon gab uns dann noch eine halbe Stunde andere Moeglichkeiten, wie wir hinfahren koennten, falls ich eine Ausfahrt verpassen wuerde und sagte so Dinge wie: also hier musst du richtig vorsichtig sein, wenn du die Strasse verpasst, seid ihr im Arsch und findet auch nicht mehr zurueck. Ja, gut, das macht natuerlich Mut. Um zwei Uhr ging es los. Die Route sah so aus: Turnpike von Exit 10 bis Exit 4 runter, ueber die Ben Franklin Bridge, dann noch die West 38 und dann der Beschilderung fuer Phillies Chinatown folgen. Oder so aehnlich. Laut Jon sollte es nicht laenger als 90 Minuten dauern.

Es hat auch funktioniert bis wir auf den Turnpike gefahren sind. Also circa zehn Minuten. Wir sind quasi auf den Highway in den Stau gerasselt und von Exit 10 bis Exit 8a  haben wir eine Stunde gebraucht. Kurz zu Hause angerufen, wobei sich Lisa mit den Worten: you got lost! meldete und nach einer Parallelstrasse zum Turnpike gefragt. Die gab es auch gottseidank. Also runter bei Exit 8a und rauf auf die Route 130 South, was scheinbar viele Turnpikefahrer machten, denn auch diese Strasse war ziemlich voll, jedoch lange nicht so schlimm wie der Highway. Wir liessen einige Turnpikeschilder hinter uns und fuhren bei Exit 7 wieder drauf. Da ging es dann und schnell kam Exit 4, es wurde also ernst, doch waere ich nicht Lisa, wuerde ich nicht aus meinen Fehlern lernen und haette nicht Kartenleserlarissa neben mir. Also einfach easy Richtung Philly Skyline fahren. Intuitiv waren wir dann irgendwie in der Arch Street gelandet, wo das Konzert auch stattfinden sollte. Hausnummer 1003. Da wir bei Hausnummer 900 in die Strasse eingebogen waren, dachten wir, dass wir ja schon relativ nah dran sein muessten und suchten uns das naechste Parkhaus. Es war bruellend heiss (das Auto hat 89 Grad angezeigt, wobei ich das nicht ganz glaube). Deswegen wurde sich in eine Ecke geschmissen und erstmal kuehles Wasserchen gesueppelt. Zwei Maenner mittleren Alters gingen an uns vorbei und der haesslichere von beiden rief: Seid ihr vergeben? Ich nickte und machte das typische tut-mir-leid Schulterzucken, was er aber als Einladung verstand. Also kamen sie rueber und man, sie waren richtig eklig. Der eine, der auf den schoenen Namen Vince-Dan hoerte, laberte mich voll. 

Du suchst also einen Freund? 
Nein, ich habe einen. 
Oh schade, und was ist mir dir? (Guckt zu Larissa). 
Ich habe auch einen. (Natuerlich in Faellen wie Vince-Dan ist man ploetzlich immer total gluecklich vergeben). 
Woher kommst du eigentlich (richtet sich wieder an mich). 
Aus dem Middlesex County. 
Middlesex County? MiddleSEX? Na wenn der Name nicht mal viel zu bedeuten hat, muhaha. 
(denkend) Ja, ich schmeiss mich weg, Vince. 
Kennt ihr nicht irgendein suesses Maedchen, was einen Freund sucht? Ich bin arbeitslos und brauche eine. Hier ist meine Handynummer. (gibt Handynummer, ich konnte es nicht fassen).
Oh Gott.
Nein und wir sind auch zu jung fuer dich.
Wie alt seid ihr?
20.
Ach, das geht doch.

Naja und so ging das noch fuenf Minuten weiter, wobei ich echt schon Angst hatte, dass wir die nicht mehr loswerden wuerden. Aber sie liessen uns dann bald in Ruhe und wir hielten fassungslos den Zettel mit Namen und Nummer in der Hand. Sowas trauriges habe ich echt noch nicht erlebt. Egal, wenigstens haben sie uns noch die grobe Richtung in das Historic Center gesagt, wenigstens ein bisschen Sightseeing wollten wir machen. Haben uns dann die Liberty Bell angeguckt. Die Glocke mit dem Sprung. Man kann aber auch nicht ernsthaft so eine alte, historische Glocke in so ein neumodisches Glasgebaeude setzen, also sowas von unpassend.

Danach wurde sich neben dem Glockengebaeude auf eine Wiese gelegt und der amerikanischen Flagge beim Wehen zugeschaut. Unterbrochen wurde der Spass immer nur kurz von den schrillen Trillerpfeifen zweier Beamter, die dafuer sorgten, dass keine Touristen ueber die Strasse laufen, um mit einer Statue ein Foto zu machen. Die Zeit verstrich und vier junge Soldaten in Uniform setzten sich neben uns. Nachdem sie uns einige Zeit beobachtet hatten kam einer von ihnen zu uns rueber und fragte nach einem Feurzeug, welches ich ihm auch gab. Nach ein wenig Smalltalk "was macht ihr so, was machst du so" guckte er mich ploetzlich an und sagte: My name is Bruce, thanks for the lighter, Ma'am. Dann ging er. Ich war so verdutzt, dass ich nicht mehr geantwortet habe. Totlachgesicht. Naechstes Mal in Deutschland sag ich auch: Mein Name ist Lisa, danke fuer das Feuerzeug, geehrter Herr. Naja, die Jungs vom Militaer halt, was will man machen, sie denken eben Maedchen stehen auf uniformierte Knackaersche. 

Gegen sechs wollte wir uns mit Adam und Bill treffen und mit ihnen Essen gehen. Wir warteten also an der Ecke des Glasgebaeude auf sie. Gegenueber auf der anderen Strassenseite standen ein par patrotisch gekleidete Stadtfuehrer und ich erzaehlte meinem American Buddy, dass einer von denen mal bei American Idol aufgetreten ist und meinte ihn auch auf der anderen Seite etwas abseits von den anderen stehen zu sehen.  Also gingen wir mal rueber, da die Jungs eh noch einen Parkplatz suchten. Als wir da standen, kam er gleich auf uns zu und sprach uns an, ob wir nicht Lust auf eine Tour haetten. Er war wirklich nett und wollte auch unsere Handynummer haben und lud uns kostenlos auf die Tour ein. Das tut einem dann natuerlich Leid, wenn er so durch den Kakao gezogen wird vor Millionen von Leuten, denn es war offensichtlich, dass er geistig etwas zurueck geblieben ist, trotzdem aber nett und freundlich war. Larissa sprach ihn dann irgendwann drauf an und er berichtete uns von American Idol und dass er es gut fand und seitdem viel mehr Leute auf seine Tour mitkommen und dass er nur positives Feedback bekommt. Damit ihr wisst, von wem ich rede, hier sein Video von youtube. Und ja, es ist wirklich ein desastroeser Auftritt, aber er meinte, seine Arbeitskollegen haetten ihn dazu 'ermutigt', ich vermute eher dass sie ihn total verarscht haben, um ihn ordentlich bloss zu stellen. Das Video ist zum Wegschmeissen, aber jetzt, wo ich ihn kennen gelernt habe, tut er mir nur Leid.
Hier das Video von youtube:


 Naja, irgendwann sichtete ich dann auch Bill und Adam und eine Freundin (Name vergessen) und wir marschierten zur South Street, wo wir Pizza essen wollten. Das zog sich dann ganz schoen in die Laenge. Zum Einen, weil die Pizza wohl die beste der ganzen beruehmten South Street sein sollte und zum Anderen, weil eine voellig besoffene Frau mitten im Geschaeft einen Klappmann gemacht hat und die ganze Aufmerksamkeit auf ihr besoffenes und verkommenes Antlitz zog. Jetzt war ich schon zwei Mal in Philly und habe zwei Mal Dinge gegessen, die bekannt fuer Philly waren und in denen man extrem unfreundlich bedient wird - was wohl dazu gehoert und auch ein bisschen den Charme dieser Orte ausmacht. Hier ein Foto aus dem Minipizzaladen mit allen Geboten, die man beachten muss:

Hat gemundet! Und dann endlich, endlich ging es auf zum Trocadero, bei Kennern einfach nur das 'Troc' genannt. Wir gingen rein und dann kam auch schon die verrueckteste und gleichzeitig nervigste Vorband, die ich je in meinem Leben gesehen habe: Trachtenberg Family Slideshow Band. Oh mein Gott. Also sowas. Da war einmal die 14-jaehrige Schlagzeugerin, ihre Mutter, die die Slideshow bediente und der total verrueckte Sohn, der Saenger und Kewyboarder war. Sie sangen ueber die Dinge, die auf den Fotos gezeigt wurden und die hiessen unter anderem 'Eggs' oder 'Mountaintrip to Japan in 1959'. Am Anfang war die Idee ja noch witzig, aber da sie leider kein Talent hatten und sich alles gleich anhoerte, waren wir einfach nur genervt. 

Danach sollte angeblich nach einer Viertelstunde endlich Kate Nash auftreten, wir mussten aber noch weitere, geschlagene 60 Minuten warten. Es hat sich aber zu 100% gelohnt. Es war ein absolut fantastisches Konzert und sie hat wirklich alles gegeben (bis zu orgastischen Schreien am Ende der Lieder).

Hier ein kleiner Zusammenschnitt aus dem Konzert (Lautsprecher am besten runterdrehen). Danach sind wir muede zum Auto gelatscht und haben die Strecke in sagenhaften 70 Minuten gemacht - und ich habe nicht gespeedet. 

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