Freitag, 6. Februar 2009

Zärtliche Massage mit Happy End

Die Anonymitaet der Grossstadt rettet dir doch oft in manch prikaerer Situation den fetten Arsch. Neulich erst musste ich das doch dankbar wieder erkennen. Ich fuhr mit dem Fuenfer zur Uni, wie jeden Tag. Der Bus war mittelmaessig voller als leerer, ich sass auf einem der beliebten vierer Plaetze und ich fummelte an meinem iPod rum, um anschliessend mein Handy aus der Vordertasche meines roten Deuter Backpacks zu angeln. Anstatt des Handys viel aber ein Tampon aus der Tasche auf den Boden des Busses. Stille. Waere die Situation ein Comic gewesen, haette es "Klonck" gemacht. Was tun? Rot werden und den strahlend weissen Tampon aufheben und zurueck in die Tasche tun - um allen Leuten zu verdeutlichen, dass ich unsachlich mit meiner Intimhygiene umgehe, war keine Option. So starrte ich stur weiter geradeaus und drehte die Musik etwas lauter, um mich scheinbar aus der Situation zu mogeln, wohlwissend, dass mindestens acht Paar Augen auf mich gerichtet waren. 

Und da blitzte ein Grinsen ueber mein Gesicht. Kopfkino nennt sich das neuerdings, denn meine Erinnerung warf mich ein paar Jahre zurueck in die Zeit, als ich noch zur Schule ging. Man spricht ja mittlerweile von Jahren, wo das her ist. Na jedenfalls bin ich an dem Tag zu Astrid ins Buero gegangen, wie so oft, um mit ihr ein bisschen zu schnacken. Dies tat auch gerade angeregt mein charmanter Englischtutor Herr Krawehl mit ihr und ich wartete geduldig dahinter, bis die Herrschaften mir Beachtung schenkten. Gedankenverloren hatte ich just in dem Moment in meiner Umhaengetasche gewuehlt und wollte meine vermeindlich trockenen Lippen mit Labello einbalsamieren. Ich holte ihn also raus und fing an, wild ueber meine Lippen damit zu streichen, bis ich merkte, dass a) mich zwei Menschen relativ entgeistert anstarrten und b) meine Lippen einfach nicht feuchter wurden - natuerlich hatte ich mich vergriffen und anstatt des Labellos einen Tampon, again, aus meiner Tasche gezogen und fuhr mit ihm anstelle des Fettstiftes ueber meine sproeden Lippen. Wohl ein Bild fuer die Goetter. Das lassen wir jetzt kurz auf uns wirken, und ich fahre einfach fort.

Gestern war Mittwoch und am spaeten Vormittag begann ich mich mit den elementaren Klassikern der Soziologie zu beschaeftigen. Erstmals, denn im Semester hatte ich mehr oder minder geschlafen und eher nicht zugehoert. Ich las mir stundenlang die Theorien und Gedanken Durkheims, Adornos, Poppers, Bourdieus, Becks, Blumers und Luhmanns durch und versuchte nicht einzuschlafen, was sich ziemlich schwierig gestaltete, denn, wenn ich mal lerne, liege ich baeuchlinks auf dem Bett, Macbook mit Musik und .pdf neben mir, vor mir Block und Schreibutensilien und waehrend Frankenreiter vor sich hin fliesst, sinkt mein Kopf immer naeher gen flauschiger Bettdecke. Fatal, denn dann sind die naechsten 20 Minuten mindestens meist mit einem intensiven Nickerchen vergeudet. Wobei ich an dieser Stelle betonen muss, dass ich Schlafen keineswegs fuer Vergeudung halte, ist es doch reine Wohltat fuer Leib und Seele und geleitet uns sanft schmeichelnd in das wunderbare Reich der wilden Traeume, in denen bedingungslose Liebe, hemmungsloser Sex, atemraubende Alptraeume und sinnentfremdete Tripwelten noch existierten. 

Wieder aufgewacht, las ich weiter und schrieb mir die wichtigsten Positionen wieder heraus. Ich bin ja der festen Ueberzeugung, dass ich ziemlich schlau bin. Ich habe nur zwei entscheidende, mich von Hoeherem ablenkende Fehler: Erstens kann ich mich nicht laenger als zehn Minuten auf eine Sache konzentrieren, die mir keinen Spass macht und mich langweilt und zweitens bin ich wirklich, wirklich stinkend faul, weil ich jetzt in fast 21 Lebensjahren immer durchs Leben gekommen bin, ohne grossartig angestrengt zu sein. Das ist ziemlich schade, bildet doch eigentlich dieser Fleiss den wahren Charakter aus oder? 

Also las ich und nebenbei auch noch Rezepte, dann kochte ich mir eine leckere Sauce mit Zucchini, Moehren, Paprika und Lauch und las wieder kurz, checkte E-Mails, lernte wieder, dann 20 Minuten Powernap und wieder kurz lesen. Es wurde abends, ich guckte SternTV und ging ins Bett (wo ich zwar schon den ganzen Tag drin gelegen hatte, aber wie schon erwaehnt, ist es eh einer meiner Lieblingsorte, schnarch). Donnerstag, heute, brach an. Ich pellte mich aus dem Bett, duschte ausgiebig und cremte meinen sproeden Koerper, diesmal nicht mit Tampons, sondern Koerperlotion hingebungsvoll ein. Dann ass ich ein Brot und trank einen Tee und weiter ging es mit Soziologie. So vertrieb ich mir dir Stunden, schrieb um halb drei noch einen Spicker und nahm den Bus um drei nach nicht einmal 12 Stunden lernen Richtung Einfuehrung in die Soziologie Klausur. Die einzigen Soziologen, die ich einigermassen verstand waren Blumer und Durkheim, den Rest konnte ich vergessen.

Der Bus war voll, aber ein Platz neben einer skurrilen Frau war noch frei. Sie sah irgendwie alternativ aus und hatte Glitzer (!) im Gesicht. Und sie stank fuerchterlich nach altem, kalten Rauch und verbraucht und wie Herr Bading irgendwie. Muff. Ich kramte meine rausgeschriebenen Zettel raus und begann sofort zu lesen und mit mir auch sie. Dabei sei zu erwaehnen, dass es mich eigentlich nicht stoert, wenn jemand unauffaellig kurz ein paar Zeilen mitliest, das ist ja normal. Mache ich auch, wenn gegenueber von mir jemand die Morgenpostschmiere liest, aber dieses schrullige Wesen legte fast ihr stinkendes Haupt auf meine Schulter und wenn sie gerade nicht mitlas, starrte sie mich direkt an. Sehr, sehr unangenehm.

Klar, in dem Moment hoerst du auf zu lesen und denkst dir in Gedanken coole Aktionen aus, wie du sie mit einem genialen Spruch in das busgesellschaftliche Aus befoerdern wuerdest, aber sowas kommt ja immer erst nach der Situation. Spontan denken und spontan handeln sind wie Milch wollen und Wasser trinken oder so. Aehnlich.

Kennst du eigentlich Tom? Ich drehte mich links. Nee, kenn ich nicht. Und las weiter. Aber du studierst doch Sozialwissenschaften? Ja, im Nebenfach Soziologie. Verdammt man, wieso blieb ich so nett, wenn in einer coolen Hollywood Komoedie laengst der Punkt fuer eine fette Pointe gekommen waere. Achso ja nee, dann nicht. Ich bin ja mehr so der kuenstlerische Typ, mit diesem rational-wissenschaftlichen Denken kann ich ja nichts anfangen. Aha, dachte ich mir schon, dachte ich mir und las pseudo weiter ueber den Positivismusstreit zwischen Adorno und Popper. Also eine Frage habe ich noch, wer isn eigentlich Karl Popper? Erneut und innerlich schnaufend (aeusserlich konnte ich ja nicht schnaufen, weil die echt stank) blickte ich erneut in ihr glitzerndes, vom vielen Rauchen zerfurchtes und abgewracktes Gesicht. Karl Popper? Ja, das war so ein Soziologe, der hatte Streit mit Adorno, von der Frankfurter Schule, Positivismusstreit. Oh Gott, was laberte ich? Ich hatte es doch eben gelesen und konnte nichts! NIX! Positivismusstreit? Versteh ich nicht. Ja, ich auch nicht, dachte ich und antwortete: Ja Positivismusstreit, so ein Streit ueber die grundtheoretischen Verstaendnisse der Soziologe. Was zum Teufel, Lisa? Man ey, die Klausur konnte kommen, ich wuerde versagen. Haushoch, oder gossentief. Der Fall war geritzt, wenn ich jetzt schon, waehrend ich die Notizen vor mir habe, einer abgefuckten Lady nicht mal eine vernuenftige Antwort geben konnte, war Klausur eh verloren und Soziologie auch echt nicht mein Gebiet, du!

Gottseidank kam Staatsbibliothek und dankbar stieg ich aus und verliess die Dame. Im Hoersaal war es proppevoll und ich fand noch einen Platz links aussen in der Mitte neben Larissa. Ein Maedchen, mit dem ich mich gut verstand. Die Einzige, die anderen 386 Leute kannte ich nicht. Wir klaerten letzte relevante Dinge: Sie konnte genauso nichts wie ich. Perfekt. Neben mir war noch ein Platz frei, der leider von einem dermassen spuckenden, lispelnden Mann besetzt wurde, dass meine Lippen befeuchtet wurden, waehrend ich mich mit ihm unterhielt - aber nicht von mir wohlgemerkt.

V. kam cool die Treppe heruntergeschlendert mit seinem schwarzen Hut und dem Batzen an Klausuren. Klausuren wurden ausgeteilt und wir durften nicht umdrehen, was ich natuerlich aber schon tat - und ich konnte meinen Augen nicht trauen. Larissa, Larissa, oh mein Gott! Die drei Praemissen des symbolischen Interaktionismus! Oh Gott, der soziologische Tatbestand nach Durkheim und seine Regeln! Larissa man, wir bestehen, wir bestehen! Ich wusste nicht, wohin mit mir vor Glueck. Die einzigen Sachen, die ich konnte und sie kamen auch noch dran! Hallelujah, oh happy day! Oh Happy Fucking Beautiful Day-Oh!

Ich erklaerte die Praemissen, Regeln und Definition der Bourdieu Feldkonstruktionsregeln und erlaeuterte sie mit coolen Banalien des Alltags (Kind wird von Mutter auf Stuhl gesetzt -  Soziologen lieben solche Beispiele, hoffe ich, denn ich habe es gewaehlt um die Praemissen zu erklaeren). Nach einer knappen Stunde war ich fertig und auf V. Frage, wie ich es fand, bedankte ich mich bei ihm und meinte, dass er mir mit der Klausur den Arsch gerettet haette, woraufhin sich sofort ein Kommilitone, der noch schrieb, beschwerte. Ja gut, klar, ich war schon immer zu laut.

Draussen, noch schnell eine gluehende Gauloise in mich ziehend (eigentlich rauchte ich ja nicht mehr, aber meine Guete, ich wusste doch nicht, wohin mit mir und meiner Freude), begann ich von einem Bein aufs naechste zu taenzeln und schaukelte mit Larissa die Emotionen nochmal richtig schoen hoch. Ich zitterte wirklich, vor Erleichterung. Wenn man davon ausgeht, dass man ein leeres Blatt abgibt und mit fast sicherer Sicherheit rausgeht und bestanden hat, weiss man einfach nicht, wohin mit sich. Ich rief alle moeglichen und unmoeglichen Leute an, um meine Freude zu teilen. Bei manchen stoss ich auf Gegenliebe, bei manchen nicht. 

Zur Feier des Tages assen Selda und ich einen Deluxe Saray Doener, ein Blech Brownies, tranken Becks Gold, guckten unsere Lieblingstrashsendnung Biggest Loser mit dem Andrea Verschnitt Katharina Witt (graessliche Frau) und assen haufenweise Lakritzbaeren (die schwarzen mit den weissen Ohren). 

Und zum runden Abschluss eines gelungenen Tages schrieb mir mein Markendebatte Professor noch folgende E-Mail:

Sehr geehrte Kommilitonin -
anbei Ihr Leistungsnachweis.
Mit bestem Gruss und guten Wünschen für Ihr weiteres Studieren -
Al* De*

Meine ersten, selbstverdienten zwei Credits in meinem Studium. Jippie! Jetzt nur noch 178 weitere und ich bin fertig! Und noch 14 Tage und es geht nach New York zu Tuejay! Life doesn't get much better than this. Gute Nacht aus Hamburg, der Stadt an der Elbe mit den vielen Tauben und kreischenden Moewen und dem leckeren Astrabier.
PS.: Neulich ist es uebrigens passiert. Auf der Arbeit im Staatsarchiv in der Kattunbleiche. Ich war gerade auf dem Weg ins Buero, da kam mir der Hausmeister entgegen und mir rutschte mein erstes: Moin heraus. Einfach so, ungeplant, unabsichtlich. Langsam gehts los hier...

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