Beweggrund eins: Sie kennen bereits die Bücher des Autors und wollen ihn nun "persönlich" sehen und hören (zwei von der Sorte saßen neben mir).
Beweggrund zwei: Sie sind abgefuckte Groupies und fühlen sich von Menschen, von denen sie schon gelesen oder etwas gesehen haben, irgendwie sexuell angezogen und nutzen jede Gelegenheit, sie zu treffen und sich interessant zu machen (eine von der Sorte saß vor mir).
Oder Beweggrund drei: Sie kennen die Bücher des Autors gar nicht, wollen aber ihrem als bekennenden Fan geouteten Freund eine Freude machen und verehren jeden Journalisten, der seine Träume lebt und mit dem Aufschreiben jener sogar Kohle machen kann (bin ich selbst).
Oder oder Beweggrund drei: Sie finden Kultur elitär und gehoben sexy und geben sich den ultimativen Kick mit ab-vom-Mainstream-Gepflogenheiten und trinken dazu einen eiskalten Weißwein (auch da gewesen).
...Timmerbergkenner haben wohl im obrigen Abschnitt den unverkennbaren Stil des Reiseautors erkannt - ich habe ein wenig vom Stil des Künstlers bei mir eingebaut. Nachdem wir uns also für leckeres Astra und gegen eine Flasche Weißwein entschieden hatten, bahnte ich mir den Weg durch die Stühle zur Bar im Saal des Hauses 73 im Schulterblatt und bestellte drei Mal eisgekühlten Genuss. Neben mir stand ein ziemlich großer Mitfünfziger mit langem, grauen Mantel, einer Crumpler Umhängetasche, nach hinten gestrichenen, längeren grauen Haaren und bestellte ein Glas Weißwein. Er lächelte mich an und machte einen ziemlich zerstreuten und wirren Eindruck, aber trotzdem durchaus oder gerade deswegen sympathisch. Der Barmann riet ihm von dem Gesöff ab, was er oben hatte und bot ihm stattdessen ein Glas Wasser an. Auf Helges Frage, was er dafür bekäme, antwortete der Barmann nur, dass es aufs Haus gehe. Jaja, die Vorzüge eines Autors.
Wir standen noch ein Weilchen an der Bar. Der Saal war proppevoll und viele mussten an der Seite stehen. Eugen, Philipp und ich saßen gemütlich in der zweiten Reihe und warteten darauf, dass Herr Timmerberg auf die kleine Bühne gehen würde und die Lesung begann. Eine Best Of Lesung sollte es werden - so war es auch auf dem Plakat angekündigt, fing Timmerberg an und entschuldigte sich gleich, dass er eigentlich lieber aus seinem neuen Buch lesen würde, welches im Herbst dieses Jahres erscheinen würde. Die ersten vier Kapitel seien fertig und bereit, vorgelesen zu werden. Große Zustimmung aus dem Plenum. Die nächsten anderthalb Stunden lauschten wir Helges Reise als siebzehnjähriger von Bielefeld nach Indien mit 500 DM Reisekapital und seinen Kapriolen, die ihm am Laufenden Band zu passieren schienen. Nicht nur wurde er auf der Reise in Kurdistan von Wölfen angegriffen, saß kurz ein für den Besitz einer Gaspistole, die ihm sein umsichtiger Vater aus Sorge mit auf den Weg gab, sondern er sollte auch an eine Krankenschwester namens Layla verheiratet werden, die ihm die Elefantitis aus dem Beinen spritzte. Natürlich alles unter dem Einfluss von LSD, Opium und weiteren Drogen. Es schien als sei sein Leben ein einziger Hippietrip gewesen. Äußerst amüsant und wirklich hervorragend vorgetragen. Wir hörten die Geschichte nicht nur aus Timmerbergs Mund - nein, er durchlebte sie nochmal, gestikulierte wild mit seinen Armen, lachte zwischendurch selbst mit (wahrscheinlich erkannte er immer wieder, wie absurd humorvoll sein Leben bis jetzt wohl verlaufen war) und schien irgendwie stoned zu sein - besoffen, wie er immer wieder betonte ("ich kann gerne noch Bücher signieren, aber fuck ich bin schon so betrunken"). Mitten im dritten Kapitel brach er plötzlich ab und schien etwas zu suchen - "Fuck, tut mir echt Leid Leute, aber ich habe eine Seite vergessen auszudrucken, die fehlt jetzt natürlich. Na macht nichts, ich erzähls eben so weiter" - wir lernten, dass es gar nicht wirklich so war, wie im Buch beschrieben. Während er nämlich fast am Verrecken war mit seiner Elefantitis überkam ihm im fiebrigen Halbwachschlafzustand der unglaubliche Drang, Kartoffelbrei mit Erbsengemüse zu vernaschen. Sein aller aller Lieblingsessen als bekennender Vegetariere. Da er bei seiner Oma aufgewachsen war, und Omas einem immer alle Wünsche von den Lippen ablesen, durfte er sich sein Lieblingsgericht immer wünschen, und es wurde ihm gekocht. Jeden Tag. Also hielt er es nicht mehr aus und nach seiner Genesung, kurz vorm Ziel Indien, reiste er auf dem schnellsten Buswege zurück und bestellte sich Kartoffelbrei mit Erbsengemüse. Und noch eine Portion. Und da wurde ihm klar, dass er gerade für eine Portion Kartoffelbrei mit Erbsengemüse Indien hatte sausen lassen. Fuck.
Köstlich dieser Mann, wirklich ein Charakter und der perfekte Mann, um nachts stundenlang wunderbare Geschichten aus fernen Ländern zu lauschen und Unmengen Wein zu trinken (wäre er nur nicht schon 56). Nach einer halbstündigen Pause, in der ich die Chance nutzte, beim hauseigenen Kiosk eine Bunte Tüte zu erstehen, ging die Lesung weiter. Als erstes las er aus seinem Beziehungs-ABC (welches, wenn man es umdreht, Single-ABC heisst). Er schafft es, mit einfachen Worten, wirkliche wahre Worte in wunderbare und witzige Texte umzuwandeln, die uns alle zum Denken anregte. Wieso dieser Mann aber ein Beziehungs-ABC schrieb, blieb mir rätselhaft. Zumal ich nicht denke, dass Beziehungen mit so einem Freigeist einfach sind. Aber er scheint es ja geschafft zu haben - organisierte doch sein hünenhafter Sohn Milan die Lesung , was ihm sehr gut gefiel, denn er betonte, dass sei die erste Lesung, die nicht von irgendeinem Lesezirkel professionell organisiert wurde (wahrscheinlich war sie deswegen auch so extrem locker und er selbst so gut gelaunt und in bester Erzähllaune - außerdem betrunken ziemlich). Milan Timmerberg stand auch die ganze Zeit im Hintergrund, verteilte Stempel, verkaufte Shiva Moon, Reise ABC, Tiger fressen keine Yogi und In 80 Tagen um die Welt.
Es folgte ein Ausschnitt aus Tiger fressen keine Yogi (ein Buch, welches beim Plenum scheinbar konkurrenzlos beliebt war, den großer Jubel brandete auf) und ein Kapitel aus In 80 Tagen um die Welt. Und dann nahm er seine Hörgeräte heraus. Er scheint wirklich sehr schwerhörig zu sein, wie er mehrmals betonte. Er holte die Gitarre, die hinter ihm stand und die wirklich derbe (Hamburg Slang) verstimmt war. Aber das machte nichts; er sang ein Lied aus seinem Buch in so deutsch betontem Englisch und dieser absolut verstimmten Gitarre, aber mit solcher Inbrunst und Leidenschaft - es hat irgendwie dann doch gepasst und war wunderbar.
Fast drei Stunden hatte er alles gegeben und alle waren begeistert. Nun wusste er nicht, wie er aufhören sollte und fragte, ob es noch Fragen gäbe. Madame vor mir hob die Hand. Ich beschreibe sie kurz: Gefühlte Mitvierzigerin, im Herzen jung geblieben, leicht alternativ angehaucht, rotweintrinkend, spritzig. Frage:
Also irgendwie, also ich hab jetzt halt irgendwie ein oder zwei Bücher von dir gelesen und irgendwie frage ich mich, ob du irgendwie angekommen bist. Halt irgendwie angekommen, ob du gesettlet bist, irgendwie.
Also Erstens verabscheue ich es sowieso, wenn pseudointellektuelle ihren Wortschatz mit sinnentleerten Füllwörtern wie irgendwie und halt füllen, um sich irgendwie interessanter und irgendwie nachdenklicher und irgendwie halt reflektierter zu geben. Darauf dieses "ich versuche mich auf Helges Sprachniveau zu kurbeln und seine Coolness auch in meiner Frage mitschwingen zu lassen" klappt einfach nicht. Es klappt nie, wenn man versucht, etwas vorzugeben, was man nicht ist. Helges umwerfende Antwort, während er sich zu ihr vorbeugt:
Tut mir Leid, ich bin schwerhörig - alle lagen am Boden. Irgendwie.
Fazit dieses Abends (der natürlich nicht mit der Lesung endete) ist, dass ich finde, dieser Mann ist schon ein Genie. Ich neige mich vor Leuten, die diese Ausstrahlung besitzen und einfach geniale Köpfe sind ohne es groß zu beabsichtigen. Cooler Typ. Und er ist Journalist und hat ein turbulentes Leben, worüber er schreibt - das hat mich auf jeden Fall nochmal daran erinnert, welchen Weg ich gehen wollte und gehen will und gehen werde - hoffentlich. Schreiben ist nun mal das, was ich gerne mache und so ein Buch zu verfassen wäre wirklich ein Traum. Aber habe ich das Zeug dazu, ein ganzes Buch zu verfassen? Müsste man ausprobieren. Helge Timmerberg ist jedenfalls genial. Zu seinen Büchern mag ich mich nicht äußern, ich habe keines gelesen. Ich weiß nur, dass das neue Buch wirklich sehr witzig werden wird, wenn es so weitergeht. Ich kenne ihn nicht als Autor, sondern ich habe jetzt seine Leidenschaft und sein Können an einem Abend präsentiert bekommen und es gefällt mir ausgesprochen gut. Journalist zu sein bedeutet scheinbar doch nicht zwangsläufig bei irgendeinem Käseblatt zu versauern. So wie er die ganze Welt zu bereisen und darüber kurzweilig und intelligent zu referieren, DAS ist der Königsweg und das ist ein Traum!
Die Kunst als Unterhaltung in ihrer Rohfassung sah ich übrigens auch letzte Woche als ich beim monatlichen Date-the-Museum im Museum für Kunst und Gewerbe teilnahm. Einmal im Monat leiten Studenten eine Ausstellung in jenem Museum, sorgen für Getränke und musikalische Untermalung durch einen DJ. In meinem Falle wurde gerade Roy Lichtensteins über 70 Plakate ausgestellt und über die Popart der sechziger und siebziger referiert. Dazu wurde Fritz Cola und Astra Urtyp gereicht und der Hit Cat Club aus dem Nachtasyl legte Sixties und Soul auf, wabernde Farbspiele wurden via Beamer an die Wände geworfen. Es war wirklich gut. Da kommt man in seelige Stimmung. Kunst als Balsam für die Seele ist ganz angenehm (anstatt Sex für den Seelenbalsam, geht ja auch).
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