Fast ein Jahr ist es her, dass ich mich bei StudiVZ angemeldet habe. Was haben sich alle aufgeregt: Du bist gar kein Student...dabei habe ich mich damals angemeldet, um mich ueber die Uni Bremen und Politikwissenschaften zu erkundigen...mittlerweile ist die Plattform zu einem Menschenverzeichnis verkommen und ich bin, ein Jahr nach meiner Anmeldung, wirklich Student.
Zwar noch nicht in Deutschland, aber hier in Amerika bin ich immatrikuliert. Ganz legal und normal. Ich habe Studienbuecher, einen Collegepullover und telefoniere auch immer sofort, wenn ich aus der Vorlesung komme - wie jeder Student hier also auch.
Ein Bericht ueber meine ersten Erfahrungen auf dem unbekannten Terrain des Studiums.
Meiner ersten Vorlesung habe ich vor ungefaehr drei oder vier Jahren an der Uni Hannover beigewohnt. Ich glaube es war irgendeine soziale Vorlesung von Vicky. Der Raum an sich war riesig, ueberfuellt und man sass wie im Kino, schraeg, damit man den Dozenten auch sehen konnte. Genauso habe ich mir das Studium damals vorgestellt. Vielleicht ist es auch so in Deutschland, hier in Amerika ist es anders. Meine erste, eigene Vorlesung hatte ich vorletzten Mittwoch in Psychologie. Nachdem Sean mir gezeigt hat, in welches Gebaeude ich muss, bin ich mit klopfendem Herzen die Treppen herunterspaziert (meine Vorlesungen sind alle im Keller). Das Gefuehl war mit dem ersten Schultagsgefuehl zu beschreiben - glaube ich. Ist ja auch ein grosser Schritt, der Studiumsbeginn, nicht wahr? Der Raum 115 im College Center ist klein. Es ist Platz fuer 35 Leute, so viele sind wir auch. Man hat einen Einzeltisch, der aus einem Guss mit dem Stuhl ist und der Vordermann sitzt mit dem Ruecken am eigenen Tisch. Maximale Raumausnutzung. Es waren viertel vor sechs schon ein paar Leute dort und so hab ich mir die zwei Zettel, die vorne auf dem Pult lagen, genommen und mich hingesetzt und geschwiegen - wie alle anderen auch. Vorne sass Professor Carroll und sah aus wie ein Psychologe halt aussieht: Stattliche Figur, ergrauter Vollbart, Brille halg aufgesetzt und Anzug. Das erste, was wir gemacht haben, war ein kleiner Test. Wir mussten einige Psychologiefragen mit richtig oder falsch ankreuzen, zb besteht eine Verbindung zwischen Genie und Wahnsinn oder koennen Maenner besser Auto fahren als Frauen (Geschlechterfragen sind sowieso seine Liebsten, wie wir bald merken wuerden). Wie von ihm auch gewollt, beantworteten wir die meisten Fragen falsch und bekamen gleich eine erklaerende Antwort, was ich sehr interessant fand. Die ganze Vorlesung war generell sehr interessant und ich freute mich auf das kommende Semester. Dann haben wir aber den Zettel bekommen, was in diesem Semester auf uns zukommen solte und da musste ich schlucken. Wir schrieben drei Examen, jede Woche ein schriftliches Quiz und jede Woche eine Hausaufgabe. Zu jeder Vorlesung mussten wir die kommenden zwei Kapitel im Buch vorbereiten - ein Kapitel hat ungefaehr 50-60 Seiten.
Wer mich kennt, weiss, dass ich nicht der emsigste Lerner unter der Sonne bin. Dementsprechend habe ich mich auch nicht weiter um Psychologie gekuemmert (ich meine, ich wollte zwar den Abend vorher kurz alles nochmal ueberfliegen, aber dann rief Chantal an und wir sind dann lieber ins Lucca's - unser Lieblingscafe- gegangen).
Nachdem ich also am vergangenen Mittwoch das erste Mal Psychologie hatte und wir in den zweieinhalb Stunden die Geschichte der Psychologie und Sigmund Freud durchgenommen haben, bin ich dann Montag mit einem guten Gefuehl in meine zweite, erste Vorlesung gegangen - wieder im Keller, in einem anderen Gebaeude. In Photographie war ich die erste im Raum und so habe ich dieses Mal meinem Professor, der uebrigens Whitey Warner heisst, gleich erzaehlt, dass ich aus Deutschland komme und erst seit vier Wochen hier bin. Er war sehr nett und hat auch gesagt, dass er mich unterstuetzt und mir hilft, wenn ich Fragen habe. Dieser Kurs war mir sofort sympathischer als der andere. Der Raum erinnerte mich an einen Kunstraum, ueberall standen grosse Macs herum (ist ja auch Media and Art Classes) und in meinem Kurs waren nur 19 Studenten. Photographie war dann auch sehr interessant und ich freue mich auf die naechsten drei Monate.
Ha, und dann kam der letzte Mittwoch. Ich habe mich schon auf Psychologie gefreut. Und was sehe ich, als ich den Raum betrete? Wir schreiben einen Test! Und zwar ueber das Kapitel, was wir zu Hause vorbereiten sollten, was ich natuerlich wie immer nicht getan habe und ein weiteres Mal in meinem Leben verdammte ich meine Faulheit. Verdammte Faulheit! Ich zermartere mir das Hirn, was mit der Frage ueberhaupt gemeint sein koennte (ich habe ja nicht einmal die Woerter geschweige denn den Inhalt verstanden), da hiess es abgeben und das erste Mal in meinem Leben habe ich ein leeres Blatt abgegeben. Was fuer ein beschissenes Gefuehl, echt!
Die weiteren zweieinhalb Stunden verliefen dementsprechend katastrophal, weil ich, fast schon mit Traenen in den Augen, gedacht habe: OK Lisa, du wirst dieses Semester den Kurs nicht bestehen, du bekommst deine Credits nicht. 1500 Dollar umsonst ausgegeben. Ich muss aufs Klo. Und all so ein Zeug. Der Schwerpunkt der Stunde war der biologische Aspekt der Psychologie, sprich Neurophysiologie im Groben - das war mein Lieblingsthema in Bio am Gymnasium, und ich konnte auch etwas mit den Bildchen anfangen (gute, alte motorische Endplatte und Co), aber mir fehlten einfach die Woerter, um mich auszudruecken. Ich altes Naivchen habe gar nicht mehr daran gedacht, dass Fachtermina ja wieder noch eine andere Geschichte waren als Allltagsplaeuschchen (das Wort ist grammatikalisch korrekt, sieht nur wegen der fehlenden Umlaute so kacke aus). Dann habe ich Prof Carroll zum vier Augen Gespraech gebeten und ihm meine verzwickte Situaton erklaert, woraufhin er sagte, dass ich im Examen ein Woerterbuch benutzen kann, ansonsten aber nicht. Nett oder?
Kurz gesagt, der Abend war mein erster richtig grausamer Abend hier in Amerika und als ich die Geschichte Jon erzaehlt habe, kamen mir auch wirklich fast die Traenen (oh, Mitleid bitte). Ich habe dann mit dem College und meinem Coach telefoniert und wir haben nach einer Loesung gesucht und diese auch gefunden: Yippie!
Ich werde jetzt dem Psychokurs weiter beiwohnen, jedoch nicht an den Examen teilnehmen, also bekomme ich meine Credits nicht, mir wird der Kurs von Cultural Care aber dennoch angerechnet - puh). Doof nur, dass ich das Prof Carroll noch sagen muss und er nicht der netteste Mensch ist und ich eigentlich nicht als Loser des Kurses dastehen moechte. Also habe ich mir gedacht, dass ich die Hausaufgaben trotzdem versuche zu bewaeltigen und die Tests auch mitschreibe. Versuchen kann man es ja immer, ne?
Jedenfalls bin ich trotz allem froh, dass ich den Mut habe, es durchzuziehen, auch wenn ich zumindest in Psychologie als Vollhorst (nicht persoenlich nehmen Opa) dastehe. Wenn ich es im Dezember geschafft habe, kann ich wenigstens von mir behaupten, dass ich mal ein Semester Psycholoie studiert habe(klingt bestimmt total intelligent, wenn man das sagt, ha) und ich hab auch ohne Examen interessante Dinge gelernt. Uebrigens gehoeren Genie und Wahnsinn nicht zusammen und laut Statistik fahren Frauen besser Auto als Maenner und letzte Stunde haben wir noch gelernt, wieso Menschen mit kurzen Haaren teurere Autos fahren. Ihr wollt wissen wieso? Dann studiert doch Psychologie :P
Fazit soweit: Zumindest am Community College kann ich bereits behaupten, dass das Studium an sich kein sehr hohes Niveau hat, die ganze Neurophysiologie und Sigmund Freud haben wir in fuenf Zeitstunden durchgenommen und nur an der Oberflaeche gekratzt. Auf dem Gymnasium sind wir viel tiefer in die jeweilige Materie gegangen. Aber ueber die Bildung der amerikanischen Jugend aus meiner Sicht berichte ich wann anders. Adieu.
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