Liste machen bedeutet, dass man alle Kühlschränke überprüft und aufschreibt, was alles aufgefüllt werden muss. Da kommt nach so einem Tag schon mal sehr viel zusammen. Dann heißt es FALLTÜR auf (ja, es ist eine Falltür), Licht an und die zehn schmalen Halsbrecherstufen auf jeden Fall rückwärts hinab in das Verlies. Cola und Fanta Flaschen zusammen stellen, alkoholfreies Weizen kistenweise hochschleppen, in den staubigen Regalen Weinflaschen suchen, Bionade und Ginger Ale in einen Kasten zusammen stellen und hochhiefen und und und... Natürlich alle leeren Flaschen von oben einsammeln und unten einsortieren! Es ist schrecklich. Schrecklich schwer für mich die ganzen Kisten diese schmale Halsbrechertreppe hochzubekommen. Ich meine, man stelle sich meine Fliegenunterarme vor, wie sie diese tonnenschweren Bierkisten anheben. Das ist ja schon in der Vorstellung grotesk. Ist es auch in Wirklichkeit.
Aber so gegen kurz nach eins war ich dann gottseidank fertig mit der Scheiße, habe mir noch schnell zwei kleine Lahmacun reingeschoben, die Koch Mehmet mir warm gemacht hat (wir sind so -zweifingerzusammendrücken. Pia hat mir nämlich mal einen weisen Rat gegeben. Und ich meine jetzt nicht den Rat, dass man sich seine Freunde nach dem Aussehen aussuchen sollte, sondern den, dass man sich in der Gastronomie immer mit der Küche gutstellen sollte. Und Recht hatte sie, wenn ich mir ein Brot zwischendurch klaue, kriege ich immer noch leckere - ja, ich liebe unsere schwarzen Oliven, Oliven und Schafskäse zum Dippen dazu, herrlich).
Ich liebe es, im Restaurant zu arbeiten, abgesehen davon, dass man sich wirklich abrackert. Heute zum Beispiel wieder ein herrliches Annekdötchen, wie ich es fast jedes Mal berichten könnte (ich könnte unter anderem mal einen ganzen Post den verliebten Paaren widmen, die bei uns essen, aber das ist dann wieder so schmalzig).
Heute habe ich nämlich das erste Mal gekellnert: C'est une catastrophe! Also die verschiedenen Kaffeespezialitäten zubereiten war ja die eine Sache, aber kellnern - ach du meine Güte! Man muss wachsam sein wie ein Lux, schnell wie ein Gepard und freundlich wie ein Zeuge Jehovas. Immer dieses: Guten Tag, darfs schon was sein? Nein, die 43 ist ohne Salat - wollen sie trotzdem einen kleinen gemischten dazu? Ja, sehr gerne. Als trockenen Rotwein empfehle ich den türkischen Doluca. Usw. Immer Lächeln, immer einen flotten Spruch auf den Lippen.
OK, achja, das Annekdötchen. Ich kam also heute um halb 12 zur Arbeit und habe erstmal was gegessen, während Iris die Kaffeemaschine sauber gemacht hat. Da hat das Telefon geklingelt und erst war es ein ganz normales Gespräch, also zumindest das, was ich davon erhaschen konnte. Dann ging Iris raus und las der Person das Tagesmenü vor. Dann hörte ich noch Wortfetzen wie: Nein die kleine blonde arbeitet hier nicht mehr. Natürlich schmeckt unser Essen gut. Ja, das tut mir Leid. Ja, ich arbeite hier schon länger. Ja, mein Name ist Iris, ich kann sie nachher bedienen.
Ich gucke sie nur verständnislos an. Sie legt auf, verdreht die Augen und erzählt, dass da am Telefon wohl eine ältere Dame war, die schon einmal hier war, gefragt hat, ob das Essen immer noch so schlecht wie letztes Mal ist, ob die Bratkartoffeln immer noch so kurz angebraten sind und ob diese unfreundliche kleine blonde noch arbeiten würde - das sei ja eine Zumutung gewesen letztes Mal. Sie würde nachher kommen.
Juhu, der perfekte erste Gast für mich als jungfräuliche Kellnerin. Die Zeit verstrich, ich war extrem beschäftigt - es war so viel los, dass die Chefin von oben kommen und Theke machen musste, weil wir zu zweit die Meute nicht stemmen konnten. Auf einmal sagt Iris zu mir: Ich glaube, SIE ist da. Sie haben schon bestellt und waren äußerst unfreundlich. Tisch 25. Ich sag: Alles klar, ich übernehme - und bringe die beiden kleinen Duckstein mit einem übertrieben freundlichen Lächeln und einer feenähnlichen Grazie an Tisch 25. Dort sitzt eine sehr betagte und betuchte alte Lady mit ihrem nichts zu sagen habenden alten Gatten, so macht es jedenfalls den Anschein. Die Gehhilfe steht neben dem Tisch.
Es würde ja auch Zeit, dass die Getränke endlich kommen und wieso in Gottes Namen nicht adventlich dekoriert ist, wenn schon der erstw Advent sei. Dass man es nicht mal schafft, eine Kerze auf den Tisch zu stellen, sei schon ein Armutszeugnis.
Mein innerliches Grinsen schwoll an. Jetzt hieß es, sich zusammen zu reißen. Wir seien ja ein türkisches Restaurant und die Fenster seien ja immerhin mit Kränzen versehen, außerdem sei es ja erst zwei Uhr mittags und Kerzen würden wir erst gegen Abend auf die Tische stellen. Ich verabschiedete mich.
Ihre bestellten Entenkeulen servierte ich süffisant und lies mich von den miesmachenden Kommentaren, die natürlich auch zum Essen kamen (na das wird ja wohl Zeit), nicht abschrecken. Immer weiter so!
So langsam essende Menschen habe ich noch nie gesehen! Gegen vier (!) Uhr fing ich an, die Teelichter zu entflammen und auf Tabletts an den Tischen zu verteilen. Madame und Monsieur aßen immer noch (!) an ihrer Entenkeule, die nach zwei Stunden höchstens noch weniger als Raumtemperatur haben musste und nippelten immer noch (!) an ihrem ersten 0,3 Duckstein. Gut, macht ja nichts. Die erste Kerze sollte auf ihren Tisch. Mit einem überaus freundlichen Lächeln meinerseits stellte ich die Kerze auf den Tisch und wollte mich gerade erkundigen, ob mit dem Essen alles in Ordnung sei, da ging es los: Es sei ja eine absolute Unverschämtheit von mir, jetzt, wo sie schon fast fertig sei mit dem Essen, es zu wagen, noch eine mickrige Kerze auf den Tisch zu stellen, obwohl sie ja drei Mal (!) um eine Kerze gebeten hätte. Unverfroren (schon allein dieses Wort) sei das ja, hmpf. So ungefähr. Ich lächelte stoisch weiter, erzählte stolz, dass sie extra der erste Tisch seien, der nun eine Kerze bekäme und ob das Essen denn noch schmecke. Ich bekam keine weitere Reaktion, außer, dass, als ich die weiteren Tische mit Kerzen bestückte, noch Wortfetzen wie unverschämt und typisch usw. zu mir vordrangen.
Nach dem Essen servierte Iris den beiden Meckerpötten vor dem Herrn noch Schokolade und kassierte überaus freundlich. Als sie aus der Tür gingen, rief ich betont freundlich und sehr laut hinterher: Ich wünsche Ihnen noch einen schönen restlichen Adventssonntag! Schönen Abend noch! Und kommen Sie gut nach Hause. Aufs Winken habe ich, unverschämt wie ich ja nun mal bin, verzichtet.
Um also nochmal auf meine Nacht zurück zu kommen: Ich war so gegen halb zwei zu Hause, habe noch kurz meine E-Mails gelesen und lag um zwei Uhr im Bett. Erst auf dem rechten Arm, dann auf dem linken. Dann auf dem Bauch, dann wieder auf dem Rücken. Bauch, Rücken, rechts, links. Kissen über dem Kopf, Kissen zur Seite. Decke wenden. Hilft nichts. Ich habe mir das Hirn zermartert. Mein Verstand war so wach, dass ich nicht umher konnte, und die einzelnen Arbeitsschritte meines just vergangenen Arbeitstages nochmal durchzugehen. Ich sah mich den Espresso machen, den O-Saft pressen, den Geschirrspüler bedienen, den Weißwein im Verlies suchen. Ich ging alles nochmal gedanklich durch ohne aufhören zu können. Ich dachte an die Einsamkeit, ich dachte an Uni, ich dachte viel an Uni, ich dachte darüber nach, warum ich hier jetzt liege und über alles nachdenke. Ich dachte darüber nach, ob es einen Weg gibt, Gedanken auszustellen. Ich dachte über den Tod und das Sterben nach und über die Zukunft und über Vergangenes. Dabei wendete ich mich tausend Mal. Ich war fit wie ein Turnschuh, regte mich darüber auf. Überlegte, Sport zu machen. Ein Blick auf mein Handy lies mich fast kollabieren: Die Uhr zeigte 8 Uhr 30. Acht Uhr dreißig. In anderthalb Stunden würde mein Wecker klingeln und ich müsste WIEDER zur Arbeit. Das ist wirklich unfassbar. Ich hasse mein Gehirn. Ich sollte mich wirklich zwingen, eine Stunde vorm Insbettgehen keinen Tee mehr zu trinken, kein Buch mehr zu lesen, keine Filme mehr zu schauen und gar nichts mehr zu tun, um ein wenig runterzukommen: Wie das gehen soll, ist zwar fraglich, aber wenn es geht, bitte Antworten an mich.
Natürlich bin ich circa in letzter Minute nochmal eingeschlafen und habe mich in eine wunderbare Traumwelt eingelebt, als mein Handywecker mich völlig aus der Bahn geworfen hat. Mitten in den Traum ist er reingeplatzt, hat mich zu Tode erschrocken und ich sah mich nicht in der Lage, in den nächsten neun Stunden irgendwie aus dem Bett zu kommen. Aber ich musste, Arbeit ruft. Arbeit ruft, und so auch Geld. Du tust es wegen des Geldes, Lisa. Du hast nächstes Jahr großes vor, los steh auf.
Ich stand auf. Wenn aber auch nur unter hypnoseähnlichen Umständen. Stellte mich ins Bad, putzte rythmisch meine Zähne und trank schnell einen mini Tee. Zeit für Frühstück blieb nicht und ehrlich gesagt, habe ich auch nichts mehr zu Essen im Kühlschrank gehabt. Ich kam dementsprechend um halb 12 auf der Arbeit an.
P.S.: Heute ist es mir bei einem Cappuchino gelungen, einen wirklich wirklich exzellenten Milchschaum herzustellen. Er war so fest und ich konnte ihn so gut auftürmen. Am Liebsten hätte ich ihn selbst zu meinen Lippen geführt und geschlürft. Milchschaum machen ist nämlich eine hohe Kunst, die selbst die besten nur schwer hinbekommen.
Um also nochmal auf meine Nacht zurück zu kommen: Ich war so gegen halb zwei zu Hause, habe noch kurz meine E-Mails gelesen und lag um zwei Uhr im Bett. Erst auf dem rechten Arm, dann auf dem linken. Dann auf dem Bauch, dann wieder auf dem Rücken. Bauch, Rücken, rechts, links. Kissen über dem Kopf, Kissen zur Seite. Decke wenden. Hilft nichts. Ich habe mir das Hirn zermartert. Mein Verstand war so wach, dass ich nicht umher konnte, und die einzelnen Arbeitsschritte meines just vergangenen Arbeitstages nochmal durchzugehen. Ich sah mich den Espresso machen, den O-Saft pressen, den Geschirrspüler bedienen, den Weißwein im Verlies suchen. Ich ging alles nochmal gedanklich durch ohne aufhören zu können. Ich dachte an die Einsamkeit, ich dachte an Uni, ich dachte viel an Uni, ich dachte darüber nach, warum ich hier jetzt liege und über alles nachdenke. Ich dachte darüber nach, ob es einen Weg gibt, Gedanken auszustellen. Ich dachte über den Tod und das Sterben nach und über die Zukunft und über Vergangenes. Dabei wendete ich mich tausend Mal. Ich war fit wie ein Turnschuh, regte mich darüber auf. Überlegte, Sport zu machen. Ein Blick auf mein Handy lies mich fast kollabieren: Die Uhr zeigte 8 Uhr 30. Acht Uhr dreißig. In anderthalb Stunden würde mein Wecker klingeln und ich müsste WIEDER zur Arbeit. Das ist wirklich unfassbar. Ich hasse mein Gehirn. Ich sollte mich wirklich zwingen, eine Stunde vorm Insbettgehen keinen Tee mehr zu trinken, kein Buch mehr zu lesen, keine Filme mehr zu schauen und gar nichts mehr zu tun, um ein wenig runterzukommen: Wie das gehen soll, ist zwar fraglich, aber wenn es geht, bitte Antworten an mich.
Natürlich bin ich circa in letzter Minute nochmal eingeschlafen und habe mich in eine wunderbare Traumwelt eingelebt, als mein Handywecker mich völlig aus der Bahn geworfen hat. Mitten in den Traum ist er reingeplatzt, hat mich zu Tode erschrocken und ich sah mich nicht in der Lage, in den nächsten neun Stunden irgendwie aus dem Bett zu kommen. Aber ich musste, Arbeit ruft. Arbeit ruft, und so auch Geld. Du tust es wegen des Geldes, Lisa. Du hast nächstes Jahr großes vor, los steh auf.
Ich stand auf. Wenn aber auch nur unter hypnoseähnlichen Umständen. Stellte mich ins Bad, putzte rythmisch meine Zähne und trank schnell einen mini Tee. Zeit für Frühstück blieb nicht und ehrlich gesagt, habe ich auch nichts mehr zu Essen im Kühlschrank gehabt. Ich kam dementsprechend um halb 12 auf der Arbeit an.
P.S.: Heute ist es mir bei einem Cappuchino gelungen, einen wirklich wirklich exzellenten Milchschaum herzustellen. Er war so fest und ich konnte ihn so gut auftürmen. Am Liebsten hätte ich ihn selbst zu meinen Lippen geführt und geschlürft. Milchschaum machen ist nämlich eine hohe Kunst, die selbst die besten nur schwer hinbekommen.
1 Kommentar:
Das war mal ein schöner Eintrag!
Ich glaube das mit dem Einschlafen kennt jeder - ich für meinen Teil schaffe es dann aber meist doch eher als 8.30 Uhr.
Keep on
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