Sonntag, 15. November 2009

fisch und fleisch

Man sollte im Leben versuchen, so selten wie möglich traurig zu sein. Je weniger, desto glücklicher. Ist ja logisch irgendwie. Aber um diese Zeit im Jahr, wenn die Blätter bereits auf den Boden gefallen sind und wenn tagein tagaus der Himmel grau bewölkt ist, dann ist das schwierig. Jetzt haben wir also den 15. November, Mitte des Monats, Ende des Jahres schon wieder. Gerade das letzte Jahr ist so schnell an mir vorbei gezogen. Ich weiß nicht mal mehr, was wirklich passiert ist. War irgendwas besonderes? Irgendwas spezielles? Die Tage und Wochen verstrichen und dann packte man wieder seine Koffer und nahm den ICE Richtung Hannover, um sonntags wieder den Koffer zu packen, das Klappsofa einzuklappen und wieder zwei Stunden Richtung Hamburg zu fahren. Immer im Wechsel, so alle zwei Wochen. Dazwischen routiniert zur Uni gegangen, Job gekündigt, neuen Job angefangen. Hier mal ein Geburtstag, da mal eine Party. Schnell und jetzt ist schon bald Weihnachten und wieder ein Jahr geht zu Ende, wo ich mich frage, was ich hier eigentlich gerade tue, ob das alles so Sinn macht usw.
Man kann das nicht vielen Leuten erzählen, tue ich ja auch nicht. Vielen Leuten geht es eh nur darum, während des Gesprächs gerade solange den Mund zu halten, bis sie wieder dran sind mit einer noch besseren Geschichte. Außerdem gehört zum guten Zuhören noch mehr als eben dies: Ich finde, man sollte sich die Leute, denen man Dinge anvertraut auch genau aussuchen und nicht nur erzählen, weil sich jemand höflich anbietet. Schließlich hofft man auf eine Meinung, die man wertschätzt und die einem wichtig ist.
Dieses Wintersemester ist ziemlich beschissen. Bis jetzt und es ist immerhin fast vorbei. Ich habe aus einer lächerlich kleinen Anzahl von Kursen gewählt, alles ging drunter und drüber, irgendwo bin ich reingekommen, keine Ahnung was ich da mache. Ich gehe routiniert dort jede Woche hin und dann kommen wieder diese stechenden, verzweifelnden Gedanken: Wozu? Ich weiß nicht, wie es vorher war, aber ich vermute, dass das Bachelorsystem uns alle zu Marionetten eines verschulten Systems macht, in dem der Gedanke des eigentlichen "Studierens" völlig untergeht. Ich muss mein Studium in einem Atemzug durchziehen, habe keine Zeit, mich mit irgendwas tiefer zu beschäftigen, weiterzuforschen, renne von einem Referat zum nächsten. Klausur, Modul abgeschlossen, nächstes Semester, bitte - oh schon Halbzeit. Bergfest. Was tue ich hier eigentlich? Darf ich mir nach drei Jahren überhaupt anmaßen, mich Bachelor zu nennen? Also einen Abschluss in etwas zu haben in dem ich so grob alles in kleinen Häppchen im Schnellschritt serviert bekommen habe, dass ich kaum Fachmann auf irgendeinem Gebiet sein kann.
Ein Beispiel: Im ersten Semester habe ich ein Seminar zum Thema volkskundlicher Film besucht. Es hat mir gut gefallen, also belegte ich im zweiten Semester wieder ein Filmseminar. Damit schloss ich jedoch das Modul ab, ich kann keine weiteren Seminare in diesem Modul wählen - die Filmkurse finden jedoch nur in dem Modul statt. Also muss ich etwas anderes machen. Noch ein Beispiel: Ich muss also das andere Modul belegen und interessiere mich für die historische Entwicklung des Vergnügungsviertels Sankt Pauli. Ich kann an dem Termin aber leider das Seminar nicht belegen, weil ich gleichzeitig die Linguistikvorlesung habe, und da bekanntermaßen diese perverse Anwesenheitspflicht herrscht, muss ich mich für das einzig (!) zweite Seminar in dem Modul entscheiden: Großstädtische Kommunikation. Ich muss, ich habe keine andere Wahl. Also schließe ich dieses Semester das Modul in Kommunikation ab, obwohl ich das nicht will. Das Seminar ist grottenschlecht.
Diese Perspektivlosigkeit kotzt mich an, mich kotzt an, dass ich mein Leben gerade von Wochenende zu Wochenende plane, ob ich nach Hause fahren muss, oder hierbleiben kann. Irgendwie fühle ich mich im Dauerstress, obwohl ich gar nicht so viel Stress haben müsste. Aber irgendwas treibt mich unsichtbar von hinten an. Etwas macht mich rastlos. Vielleicht weil die Zeit an mir vorbei jagt ohne, dass ich irgendwas mit Leib und Seele mache oder auf irgendwas hinzusteuere. Ich bin ziemlich orientierungslos und es macht mir Angst, dass schon wieder Dezember ist. Scheiß Winterdepression. Scheiß Winter. Am liebsten würde ich meine zwei Koffer packen und abhauen in irgendein Land, wo mich keiner kennt und erstmal da bleiben und das Leben genießen. Wie damals als Au Pair, das Leben war perfekt und ohne Probleme, die Zeit verging, stand aber psychisch irgendwie still. Keine Ahnung.
Jetzt hetzt sie an mir vorbei und ich habe das Gefühl, dass ich mich nicht mal zur Ruhe setzen kann und genießen kann, weil da nichts ist, was man genießen kann. Ne derbe Scheiße ist das manchmal. Komisch, aber vielleicht vergeht der Gemütszustand ja auch mal wieder.
Kein Wunder jedenfalls, dass so viele Leute in meinem Alter während des Studiums bereits psychologisch betreut werden. Dieses Leistungs- und Erfolgssystem macht doch nochmal alle kaputt. Aussteigen müsste man und sich erstmal erholen. Oder wieder etwas haben, wofür es sich lohnt, weiterzumachen, irgendein Ziel eben. Am liebsten würde ich bis Weihnachten hier in Hamburg bleiben und mein Telefon ausstöpseln, aber das geht ja nicht. Immer Termine. Nicht mal auf Silvester kann ich mich richtig freuen, weiß nicht, ob das alles gut ist. Schwierig, wenn man nicht mehr raucht und jetzt gerade eine rauchen möchte. Im Bett liegend bei entsprechender Musik. Das Leben ist kein Film.

Zur Party vielleicht noch ein paar Worte. Es ist ja nicht alles schlecht, nur manchmal huschen halt so ein paar schwarze Gedanken in mir rum und wollen zum Ausdruck gebracht werden. Eine Party, die ihresgleichen sucht. Auf dem Flughafengelände an der Lufthansa Base haben wir gefeiert. Neben uns, abgesperrt durch einen Zaun, die großen Maschinen, beleuchtet. Das letzte Flugzeug haben wir noch landen sehen, dann war Nachtflugverbot. Nach Gin, Aperol und Whiskey waren wir auch bereit zu tanzen und der DJ heizte uns mächtig ein. Bleibt zu betonen, dass Selda und ich niemanden auf der Party kannten. Wir kamen uns vor wie im Film. Die atemraubende Location, die feinen Getränke, das Essen und die Gäste. Irgendwann waren wir die einzigen Mädchen auf der Tanzfläche und so war uns die Aufmerksamkeit gewollt oder ungewollt sicher. Das Taxi fuhr uns um halb 5, als der DJ das letzte Lied aufgelegt hat, nach Hause. Was bleibt, ist eine baldige Verabredung und die Hoffnung, dass es vielleicht

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