Werswegen ich aber eigentlich schreibe: Ich hatte ja neulich mal erwähnt, wie so im Groben mein Stundenplan aussieht und mittwochs war ich mir ja nicht sicher, was das überhaupt für eine Vorlesung ist, die ich da besuche. Jetzt weiß ich es: Die Geschichte der Literatur seit dem 16. Jahrhundert. Ja und genauso ist es. Wir gehen Epoche für Epoche (angefangen beim Barock) durch und nehmen dabei die großen Schriftsteller jenen Zeit durch. Mit Beispielen, Privatleben, Städtekunde usw. Heute war Klassik an der Reihe. Der große Goethe und der große Schiller. Jahreszahlen und das ganze Zeugs. Aber die Vorlesung ist wirklich gut. Gehalten wird sie von einer älteren Dame mit dem wundervollen Vornamen Ortrud. Sie hat eine wunderbar beruhigende Stimme und es ist wirklich entspannend, ihr zuzuhören, wie der Sturm und Drang alles verändert hat, dass Goethes Geburtsjahr sitzen muss wie das Einmaleins usw.
Die Vorlesung ist mittwochs von 10 bis 12 (also viertel nach 10 bis viertel vor 12), aber ich bin immer schon um viertel vor 10 da, kaufe mir einen Yogi Classic Zimt Tee mit einem Hauch Milch und etwas Honig, nehme mir drei Spekulatiuskekse aus dem Café und geselle mich zu meinen Mitsiebziger-Kommilitonen. Dass es die so genannten Kontaktstudenten gibt, wissen wir ja alle. Vereinzelt sitzen sie auch in Germanistik oder Volkskunde. Aber hier, bei Die Geschichte der Literatur seit dem 16. Jahrhundert sitzen ALLE anderen. Ich möchte nicht übertreiben, wenn ich sage: Mehr als 70% der Studenten, die diese Vorlesung besuchen, sind mindestens über 60. Alle grauhaarig, fleißig am Mitschreiben und sehr interessiert. Und wenn ich um viertel vor 10 Uhr im ESA Gebäude bin, sprich eine halbe Stunde vor Beginn der Vorlesung, ist schon die Hälfte der Plätze besetzt: Leute der ganz eifrigen Sorte.
So gegen zehn Uhr trifft dann Ortrud ein (also wir duzen sie nicht, aber ich mach das jetzt hier einfach mal so, genau wie unseren Nachbarn Lutz, den duzen wir auch nicht, aber innerlich duze ich ihn trotzdem, weil er cool ist) und wenn Ortrud eingetroffen ist, wird von ihrem HiWi-Sklaven der Computer hochgefahren. Dazu eine kurze Notiz: Bei den Dozenten mit Powerpoint ist es oft so wie mit den Lehrern und dem DvD-Player früher: Sie können einfach keine Technik bedienen. Klar, manche sind wahre Koriphäen auf dem Gebiet der medialen Vermittlung, Mademoiselle Ortrud gehört aber nicht dazu. Jedenfalls startet der HiWi den Computer, fährt Powerpoint hoch und lässt ein klassisches Musikstück erklingen. Da wir heute in der Klassik waren, spielte klassischerweise Eine kleine Nachtmusik von Mozart.
Das ist so schön. Wirklich. Ich liebe diesen Start in dem Mittwoch. Der dampfende, wohlriechende- und schmeckende Tee, meine großväterähnlichen Kommilitonen, mit denen (also meinen Sitznachbarn) ich mich immer anfreunde und diese schöne Musik zu Anfang, stimmen mich immer schon auf die gleich folgende Präsentation der deutschen Kulturgeschichte ein. Herrlich! Und Leistungsnachweis ist lediglich ein Ergebnisprotokoll! Das Studentenleben kann (manchmal, nicht oft, aber manchmal) so schön sein!
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