Freitag, 16. November. Es war alles geplant. Larissa hatte die Chinatownbustickets fuer uns beide ausgedruckt und unser Bus sollte um 17.30 Uhr gen Washington D.C. losrollen. Um 15.40 Uhr habe ich mich mit meiner dicken Lederreisetasche in den Zug Richtung Manhattan gesetzt und gut gelaunt iPod gehoert. Es war eisig kalt draussen. Ploetzlich klingelt mein Handy und eine aufgeregte, weibliche Stimme sagt Folgendes: OK Lisa, mir ist etwas passiert und es ist nicht lustig - ich habe den Zug verpasst.
"Scherz" war das erste, was mir durch den Kopf ging. Der naechste Zug fuer Larissa wuerde erst in einer Stunde kommen und da wir eine halbe Stunde vor Abfahrt am Bus sein mussten, wuerde sie es nicht rechtzeitig schaffen. Und sie hatte die Tickets. Larissa hat dann versucht, mit ihrem alten Volvo Beerdigungsauto nach White Plains zu fahren (20 Minuten von ihr zu Hause - sie war noch nie dort), um dort noch einen anderen Zug zu bekommen, der um 16.26 Uhr fahren sollte. Ihre Gastmutter hat am Telefon Navigationssystem gespielt. Wir haben also aufgelegt und ich sass mit meiner Angst, dass wir es nicht schaffen wuerden, im Zug und fuehlte mich hilflos. Kurz nach vier habe ich sie abermals angerufen und sie sagte, kurzatmig, dass sie schon am Bahnhof sei, dieser enorm waere und sie verzweifelt nach einem Parkplatz suche.
Waehrend ich in der Penn Station langsam eintrudelte, erhiehlt ich den Anruf, dass sie auch diesen Zug verpasst haette (*!,`*!-^$**!) und jetzt zurueck nach Chappaqua fahren wuerde, um dort den Zug in einer Stunde zu nehmen, um dann gegen sechs in der Grand Central Station einzutreffen und um halb sieben in der Penn Station zu sein. Ihre Gastmutter haette bei der Chinatownbusfirma angerufen, die uns freundlicherweise erlaubten, den Bus um acht Uhr zu nehmen ohne weiter dafuer zahlen zu muessen. Alles, was ich jetzt zu tun habe, sei David zu finden, er wuesste schon Bescheid.
Gut. Es war halb fuenf, ich hatte zwei Stunden Zeit, David zu finden und unsere Situation zu retten. New York hat fast neun Millionen Einwohner. David ist nicht besser als Juergen oder Katharina. Wo sollte ich in dieser verdammt grossen Stadt 08/15 Name David finden und wer war ueberhaupt David? Also habe ich nochmal Larissa angerufen, um noch mehr Infos ueber David einzuholen. Sie wusste aber auch nicht mehr und beruhigte mich nur mit den Worten: Ach, du findest den schon. Ich warte jetzt auf den Zug!
Na denn, FFN. Ich bin dann erstmal mit Sack und Pack aus der Penn Station hinausmarschiert, in die eisige, windige, bibbernde, klirrende New Yorker Kaelte, und habe mich gefragt, von wo ueberhaupt der Bus abfahren wuerde. Ich wusste ja nur Penn Station und die ist riesig und erstreckt sich ueber mehrere Blocks. Also nochmal Telefon. Danach wusste ich, dass es 31. Strasse 252W war. Mit zweiterem konnte ich nichts anfangen und so bin ich erstmal die 31. Strasse runtergegangen und habe auch am Ende mehrere Busse, auf denen gross "DC" stand, gefunden. Ein hyperfreundlicher Polizist hat mir gleich Werbung fuer einen Bus in die Hand gedrueckt, worauf ich nur erzaehlt habe, dass ich bereits ein Ticket fuer den Premiumbus habe. Darauf erklaerte mir der Mann netterweise, dass dieser noch nicht da sei, aber wohl in zehn Minuten ankommen wuerde. Klasse, mir war ja nicht arschkalt oder so. Gut, ich also gewartet, bis der Mann erneut kam, um mir wieder ein Ticket in die Hand drueckte und meinte, dass mein Bus jetzt da sei, ich doch aber bitte naechstes Mal den anderen Bus nehmen solle. Ich bin dann zu meinem Bus gegangen, wo gerade ein kleiner Chinese ausstieg und mich fragte, ob er mir helfen koenne.
Ich: Ja, wenn du David bist!?
Er: Ja, bin ich.
Ich: Waaaas? Oh Gott, danke, danke fuer diesen schoenen Tag. Ich glaube es nicht, David, mensch, du hier!
Er: ...aehm.
Ich: Ja also meine Freundin hat zwei Mal den Zug verpasst und sie hat unsere Tickets und die Frau von deiner Firma meinte, es geht klar, wenn wir den acht Uhr Bus nehmen und du wuesstest Bescheid.
Er: ...aehm.
Ich: Oh, du siehst nicht aus als wenn du einen Plan davon haettest, was ich gerade rede. Naja egal, so ist das zumindest und was sollen wir jetzt tun?
Er: Ich brauche eure Ticket IDs und das war es dann. Mehr muesst ihr nicht tun.
Cool, das war ziemlich einfach. Nachdem ich Larissa nochmal angerufen habe und ihr erzaehlt habe, dass ich David gefunden habe und sie es gar nicht fassen konnte, gab sie mir die IDs durch und alles war geritzt. Jetzt hiess es fuer mich irgendwie die zwei Stunden herumzubekommen. Ich wollte eigentlich in den klassischen Tick Tock Diner auf der 8th Avenue gehen, bin dann aber doch bei Maecces gelandet und habe eine kleine Pommes zwei Stunden gefuttert, wurde von einer Kirchengruppe aus Colorado zugelabert und habe telefoniert, um die Zeit totzuschlagen. Endlich erhielt ich einen Anruf von Larissa, dass sie nun da sei und wir sind uns euphorisch in die Arme gefallen nach 94 Stunden Wartezeit.
Nachdem unser Bus eine halbe Stunde zu spaet gekommen ist und wir weitere Minuten in der Hundskaelte warten mussten, kam er endlich an und unser schwarzer Ghettobusfahrer nahm uns missmutig in Empfang (er hat nur die Tuer geoeffnet und "Baltimore, DC" gesagt - das war es fuer den Rest der Fahrt). Die naechsten viereinhalb Stunden haben wir ueber Dinge geredet, die hoffentlich niemand anders verstanden hat, "Reign over Me" mit Adam Sandler und Don Cheadle geschaut und geschlafen (also Larissa, ich kann im Bus nicht pennen). Nachdem wir in Baltimore einen zwei Sekunden Stop gemacht haben, um Gaeste auszuladen und ich mir noch die Missgunst des Busfahrers eingehandelt habe, als ich vorsichtig und nett gefragt habe, ob wir nicht kurz Pause machen koennten (worauf er in seiner Ghettoafrosprache antwortete: Alter, ich weiss nicht, wie es bei dir aussieht, aber ich bin der Busfahrer und ich brauche keine Pause, Mann!), kamen wir nach ewiger Zeit nachts um eins mitten in Chinatown in Washington D.C. an. Und das lief ungefaehr so ab: Bus hielt. Nichts passierte. Der Busfahrer stieg aus und guckte uns von draussen an. Nach fuenf Minuten fragten die ersten Fahrgaeste, ob wir da seien (war ja dunkel). Zoegernd standen die ersten auf und blickten sich verwirrt um. Ein mutiger ging dann nach draussen und hat den Busfahrer gefragt, ob wir in D.C. seien, worauf der meinte: Alter, was denkst du denn, wo du sonst bist?
Also sind wir ausgestiegen und die Strasse runtergelaufen, weil da laut Anna-Lena die Metrostation sein sollte. An einer Fussgaengerampel mussten wir warten und eine Gruppe von Leuten sprach uns an: Erste Mal in D.C.? Herzlich Willkommen und dann:

Danach sind wir, wuergend (ob er weiss, dass sein Arsch ekelhaft feucht extremst behaart ist? Was ist, wenn ein Maedchen mit ihm Sex hat und er danach aufsteht und seinen Hintern sieht? Wird sie es bereuen und sich ekeln?), in die Metro gestiegen und nach einmal falsch fahren und umsteigen, haben uns Anna-Lena und ihre Freundin Nicole in Pentagon City in Empfang genommen. Dann ging es nur noch nach Arlington mit dem Auto, wo Anna-Lena wohnt und ins Bett.
Am naechsten Tag sind wir relativ frueh aufgestanden und zu einer deutschen Baeckerei gefahren. Wo es zum Fruehstueck Kuchen gab. Ich aerger mich, dass ich nicht noch mehr gekauft habe (wollte ich Sonntag machen, aber...siehe Bericht 1). Dann ging es sofort zur "Mall" so wird die Gegend genannt, wo alles so rumsteht, was man so von Washington kennt.
Larissa und ich waren uebrigens voellig geplaettet von Washingtons Sauberkeit. Alles war so sauber, nirgends waren Leute unterwegs und in der U-Bahn roch es sogar nach Erdbeeren. Wenn man das mit New York vergleicht :D ...ich mag New York trotzdem lieber. Ich mag das, wenn was los ist und die Stadt ihren eigenen Rhythmus hat.
Jedenfalls ging es als erstes zum wunderschoenen Capitol - nein, auf dem Weg dorthin ging es erst in den botanischen Garten.
Eine geile Sache an Washington ist naemlich, dass alle Gebaeude kostenlos sind. Man kann in die Museen reingehen und wenn es einem nicht mehr gefaellt, geht man eben wieder raus und bereut es nicht, weil man ja kein Geld ausgegeben hat (man kann aber trotzdem und gerne Geld spenden). Das Capitol ist wirklich sehr gross und sah an dem Tag besonders gut aus, wie ich fand, weil wir strahlend blauen Himmel bei angenehmen Temperaturen hatten und sich der weisse Stein dagegen gut abhob.
Ausserdem waren die Blaetter von den vielen Baeumen alle wunderschoen gefaerbt und wenn man Washington mit einem Wort beschreiben moechte, dann wuerde ich: schoen waehlen, weil es so ist. Ist zwar nicht sonderlich was los im Sinne von Menschenmassen, aber definitiv viel zu entdecken, viel Kultur.
Danach ging es weiter zu Fuss Richtung Washington Monument (der grosse Bleistift). Zwischendurch sind wir noch ins Air and Space Museum gegangen (ich muss ja sagen, ich stehe ein bisschen auf Museen). Dort haben wir aber nicht viel Zeit verbracht, weil wir erstens nicht viel Zeit hatten und darin auch eine unangenehme Luft herrschte.
Ist schon ziemlich gross, wenn man davor steht. Aber das war es dann auch schon wieder Spektakulaeres an dem Monument. Daneben war eine grosse Buehne aufgebaut, wo, also ich meine es zumindest, Leute von den Black Panthers gesungen haben und fuer irgendwas demonstriert haben. War ziemlich gute Stimmung und ich glaube, wir waren die einzigen Weissen am Start.
100 Jahre spaeter sind wir dann erst zum Reflexion Pool (Larissa und ich haben laut: Forrest, Forrest! gerufen - die beruehmte Szene, wo Forrest ausversehen eine Rede halten muss vor lauter Hippies und Jenny ihn erkennt und laut Forrest rufend, durch den Reflexion Pool zu ihm laeuft) und dann zum Lincoln Memorial gegangen. Das ist wirklich beeindruckend und obwohl oben um Ruhe gebeten wird, schnattern die Leute wild herum (was zum Beispiel im Sacre Coeur und in der Notre Dame in Paris nicht so war - dort haben sich die Leute beherrscht).
Also ich war ruhig da oben - ICH.
Das obere Bild ist am Second World War Memorial entstanden. Dort ist ein kleiner Teich angelegt und auf der rechten Seite sind alle Staaten in Stein gemeisselt aufgereiht, die auf der pazifischen Seite gekaempft haben und auf der anderen Seite die Staaten, die auf der Atlantikseite gekaempft haben.
Dann ging es endlich ueber das Veterans Memorial (alle Namen der gefallenen Soldaten in Vietnam - da war es ruhig) zum Weissen Haus. Darauf habe ich ja den ganzen Tag gewartet und was soll ich sagen? Es ist klein und winzig und es war dunkel und weit weg.
Die Strasse vor dem Weissen Haus ist auch gesperrt und man darf nur auf dem Buergersteig gehen. Gut, das war es dann auch, was ich darueber berichten kann. Der Spass fing ja auch danach erst an...
...wir sind mit der Metro nach Georgetown gefahren. Georgetown ist das "Studentenviertel" in Washington und es gibt viele Bars und Shop und es ist sehr nett dort, Hafen inklusive. Dort haben wir dann Dinner gegessen in einer kleinen Bar namens Mr. Smith. War ganz lecker...
wir sind voellig fertig abends nach Hause gefahren, habe eine halbe Stunde auf dem Sofa gelegen und sind dann mit der Metro Richtung Rosslyn gefahren. Wir wollten zu einer Hausparty von einem gewissen Eric in Fairfax, wo wir eingeladen waren, den wir aber nicht kannten. Anna-Lena hatte beim Spazieren gehen mal einen Deutschen getroffen, der seit sechs Jahren in Arlington lebt und der Typ (schon ueber 30) hat Anna-Lenas E-Mail-Adresse an jemanden weiter geleitet, der eine Deutsche kennt und dieser jemand hat uns eingeladen. Unsere einzige Angst bestand darin, dass wir so spaet ankommen wuerden, dass wir nur eine Stunde dableiben wuerden und da wir noch ein Stueck Taxi hin -und zurueck nehmen mussten, waren wir schwer am ueberlegen, ob wir nicht besser wieder umdrehen sollten. Gottseidank haben wir das nicht gemacht, denn die letzte Metro fuhr um halb drei - also zwei Stunden Zeit, sich zu betanken - genug Zeit. Von der letzten Metrostation mussten wir dann ein Taxi zu dem Haus nehmen. Zum Glueck war unser Taxifahrer ein Inder, der uns erstmal ueber Deutschland und die Welt aufgeklaert hat. Thema: U...S...A. Inder und ihr indisches Englisch sind einfach Dinge, bei denen man sich nicht beherrschen kann. Armer Kerl, ich hab einfach laut gelacht. Naja, wir wollten dann fuer halb zwei ein Taxi zurueck bei ihm bestellen, aber er meinte gleich, dass hier in Amerika auf gar nichts verlass ist und eh kein Taxi kommen wird, auch wenn wir es bei ihm bestellen und dass die Metro auch eh zu spaet oder zu frueh kommen wird, weil man sich hier in Amerika auf nichts verlassen kann. Nach circa 15 Minuten Fahrt und 22 Dollars leichter, waren wir dann endlich da und Eric oeffnete uns freudestrahlend die Tuer und ich strahlte freudig zurueck, er lud mich naemlich sofort zu einem Trinkspiel ein - und da sag ich doch nicht nein, wa? Larissa war natuerlich am Anfang der aengstliche Hase, der dachte, dass wir bestimmt vergewaltigt werden, aber nach den ersten Bierchen waermte auch sie schnell auf und so ging die Party dann weiter. Lustige Menschen kennen gelernt (Jose, dem ich volltrunken erklaert habe, dass sein Name "hose" auf deutsch heisst), aus roten Bechern Bierchen gesueppelt, die Amis beim Trinkspiel abgezogen und rumgeflirtet und politisch diskutiert - was man halt so macht. Nebenbei lief im Fernsehen uebrigens Forrest Gump. Und was ich Sonntag gemacht habe, wisst ihr ja.
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