Montag, 5. November 2007

Rote Plastikbecher und Franziskaner

In Philadelphia wird alle paar Minuten jemand ermordet. Die hoechste Mordrate der USA (laut Bill; laut Jon ist es New Orleans). Erschreckend. Gaensehaut. Ich mittendrin. Natuerlich nicht in Northeast. Da ist das Todesviertel. Ich war in South. Da werden auch Leute ermordet, aber nicht an dem Tag, an dem ich da war. Ich war naemlich Samstag da. Freitag ist Larissa um acht Uhr abends mit Sack und Pack zu mir gekommen. Unser Plan war, mit dem Auto nach Pennsylvania zur 'eat me, greet me' Party von Adams Verbindung zu fahren. Eat me, greet me bedeutet, dass man diese Zuckerketten (Candy Necklaces) um den Hals bekommt und jeder sie abknabbern darf. Verbindung (Fraternity) sind diese Burschenschaften, in die man nur hineinkommt, wenn man harte Pruefungen bestanden hat und dann in jedem Mitglied einen Bruder - guten Freund - findet. Angeblich sollte die Fahrt rund anderthalb Stunden dauern laut Mapquest. Mapquest ist aber leider ein popelfressendes Stinktier mit feuchten Fuerzen. Kurz: ich komme damit nicht klar (habe mich deswegen schon zwei Mal verfahren, weil es einfach Strassen vergessen hat, in denen ich abbiegen musste). Gut gelaunt sind wir trotzdem um neun Uhr losgefahren und haben mein VWchen in eine mobile Disco verwandelt (Krawall und Remmi Demmi). Vorher noch ein Stossgebet gen Himmel geschickt, dass es auch ja rote Plastikbecher gaebe (wie in den Teeniecollegepartyfilmen) und los ging die Fahrt. Zunaechst war alles tippi toppi. Selbstbewusst habe ich den Wagen Richtung South Jersey gesteuert, doch vom South Turnpike mussten wir wieder auf den North Turnpike wechseln und von dort auf South 95 und eigentlich ist ja doch alles der gleiche Brei und schwupps - Ghetto. Keine Ahnung, wie wir da gelandet waren, aber wir waren in Chester (also kurz vor dem Ziel, da die Uni in Chester ist). Im Chester Wohnviertel und da moechte man wirklich keine Kinder gebaehren - schade, dass wir kein Panzerglas hatten, ich habe es mir in dem Moment ehrlich gewuenscht. Die Haeuser waren alle herunter gekommen, die Zaeune eingetreten, alte, zerbeulte Autos. Wir haben also nicht gewagt, an irgendeiner Haustuer zu klingeln, um nach dem Weg zu fragen. Also sind wir wieder ein Stueck zurueck gefahren, intuitiv mal rechts, mal links, mal geradeaus und auf einmal standen wir vor einem Motel. Also haben wir aufgegeben und sind dort hinein, um nach dem Weg zur North 95 zu fragen (mussten naemlich mal wieder die Windrichtung aendern). Der Rezeptionsmann war ein Inder (oh Wunder) und nach seinem ersten Satz hat Larissa laut losgelacht (wie gemein). Er war aber auch wirklich der typische Inder mit dem typischen, indischen Akzent. Er war sehr nett, aber Larissas Lache hat mich angesteckt und aufgrund seiner geilen Wegbeschreibung konnte ich mich dann gar nicht mehr halten und wir sind ohne Kommentar wieder ins Auto gelaufen (zu einem Tschuess und Danke waren wir nicht mehr faehig - armer Mann, und er war so nett). Wir haben unglaublicherweise doch noch den Weg gefunden und waren gegen Mitternacht in der Widener University. Adam hat uns gleich begruesst und wir sind mit ihm in sein Zimmer gegangen. Dort waren dann ein paar Unitussis am Start. Wie im Film wirklich: Tussitreterchen, alle 30 Sekunden Make-Up - und Frisencheck, blondierte, geglaettete Haare, Minirock zu Zellulitebeinchen. Der Klassiker. Wie im Film. Zu dem Zeitpunkt dachte ich schon: OK, das koennte amuesant werden. Adam machte seinen Kuehlschrank auf und zeigte uns die zig Franziskaner Weissbierflaschen, die er extra fuer uns gekauft hatte (schoenes, kuehles Pilschen waere auch was feines gewesen). Und dann. Yes. Bam bam bam. Badabing Badaboom. ROTE PLASTIKBECHER wurden aus dem Schrank gezaubert. Himmel auf Erden. Lisa, herzlich Willkommen zu einer echten, amerikanischen Unihausparty. Das Haus, in dem er mit seiner Verbindung lebt, ist vielleicht mit dem Oelsburger Badehaus vergleichbar vom Aufbau. Ein paar Grafitti an den Waenden und Boeden, Bierflaschen, laut droehnende Musik, suesslicher Rauchgeruch, aufgedrehte und zugedrehte Menschen. Circa 300 an der Zahl. Rote Plastikbecher ueberall. Ein Bierbong windet sich vom dritten Stock runter ins Erdgeschoss. Knutschorgien. Oben, in den Schlafraeumen, tummelten sich immer so 5 bis 10 Leute in den Zimmern und haben sich entspannt bei kleinen Tueten, die die Runde machten, und unten, im Gemeinschaftsraum, wurde wild und schlampig getanzt (Penis in Po - das geht so). Bevor Lari und ich den Mut hatten, auch tanzen zu gehen (zwischen den ganzen Big Mamas und den Ghettogangstern muss man sich erstmal beweisen als deutsche Tanztrantuete), entschieden wir uns erstmal wieder hoch in Adams Zimmer zu gehen und uns volllaufen zu lassen. Hat dann auch ordentlich geklappt und wir haben uns mit drei amerikanischen Unischlampen angefreundet (IQ 0,0). Die eine blonde wollte uns "thick german bitches", wie sie uns liebevoll nannte (bitch wird hier scheinbar nicht so schwer gehandelt, bedeutet wohl in Frauensprache Kumpel), etwas ueber gute Ernaehrung beibringen und hat mir vielleicht 20 Mal erzaehlt, dass ich nur Salat und Broccoli essen sollte - OK, manchmal eine Moehre ginge auch. Gegen halb zwei sind wir dann vollerweise wieder runter gegangen und wollten unsere Booties shaken, doch was hoerten wir? Nichts. Licht war an, Musik aus. Vereinzelte Wracks standen noch hier und da herum und guckten verwirrt. Enttaeuschung machte sich breit und wir fragten jemanden, ob es das gewesen sei und er bejahte und erklaerte, dass das eine Regel der Uni sei, dass die Musik um halb zwei ausgemacht wird, die Party aber oben vereinzelt in den Schlafzimmern weiter ginge. Gut, also wieder hoch in Adams Zimmer und dort auf das Bett gesetzt und mit den Jungs weitergetrunken. Dort haben wir dann Bill und Brandon getroffen. Bill ist der beste Freund von Adam und ein cooler Typ und Brandon ist ein Spast, aber trotzdem wenigstens witzig (er hat mir vielleicht 100 Mal erzaehlt, dass ich die groessten, blauen Augen habe, die er je gesehen hat). Nachdem Larissa und ich noch einen coolen Fotoshoot quer durch das Verbindungshaus gemacht und Freundschaft mit Marion, dem einzigen schwarzen Verbindungsbruder, geschlossen haben, hat Adam seine Gitarre herausgeholt und mit Bill und Jeff ein paar Songs gesungen. Hier ein Hoerbeispiel -aber vorher ein paar Fotofotos:









Ich habe dann auch mal zur Gitarre gegriffen, bin aber musikalisch eher unbegabt. Die Zeit verging, es war sehr lustig und wir haben weiter getrunken. Wir zwei Deutschen entschieden uns dann aber zu stoppen, weil wir auf dem Hoehepunkt waren und jeder weitere Schluck uns den Absturz gebracht haette (man braucht einige Zeit, um das herauszufinden, aber nach etlichen Abstuerzen weiss man, wann es gut ist). Die Jungs waren dann aber auch Unterhaltung genug und waehrend wir The Starting Line (gute Band aus Philly) gehoert haben, durften wir die Jungs beim hoehepunktieren beobachten. Muedigkeit machte sich so langsam breit, aber die Jungs sahen nicht so aus, als ob sie bald aufhoeren wuerden mit Spass haben. Aber nach so langer Autofahrt voller Konzentration brauchten wir unseren Schlaf dringend. Um vier wollten die anderen dann aber ploetzlich zum Diner fruehstuecken fahren und setzten alles daran, uns mitzunehmen. Aber ich blieb hart (wie immer). Und so fuhren sie dann futtern und Larissa, Adam und ich vielen totmuede in unsere zwei Betten... Am nachsten Tag sind wir dann gegen Mittag in die Unimensa fruehstuecken gegangen (bei 40.000 Dollars Studiengebuehren pro Jahr ist eine All you can eat Mensakarte mit drin). Und das Essen war wahnsinnig lecker. Ich hatte so einen Brand auf Futter (Heisshunger), dass ich erstmal von allem alles genommen habe... ich zaehle auf: 1 Apfel, 3 Gurkenscheiben, 2 Tomaten, 1 Kuerbiskuchen, Pommes, 1 Kugel Erdbeereis, 1 Schale Cheerios... :DWar geil. Um ein Uhr sind wir mit Bill, Adam, Brandon und seiner seltsamen Freundin Tiff nach Philly gefahren. Bill und Brandon kommen urspruenglich aus Philly und haben den Stadtfuehrer gespielt. Sie haben uns die South Street gezeigt. Eine Szenestrasse, in der es coole Laeden und nette kleine Bars (nichts fuer uns U21 Jaehrige). Nachdem wir dort etwas shoppen waren, wollten wir das beruehmte Philly Cheese Steak essen gehen. Dazu sind wir ungefaehr 20 Minuten in eine andere (boesere) Gegend gefahren, wo es laut einer Liste das beste Cheese Steak gibt. Ich hab den Autofahrern, die uns durchgelassen haben immer: Danke fuers durchlassen und danke, dass ihr uns nicht getoetet habt zugerufen - das fanden die anderen nicht so witzig. Ich schon. Jaja, bis wieder einer weint... oder... Jedenfalls haben wir dann bei Pat's gegessen und davor war eine Schlange von bestimmt 30 Leuten. Bill meinte, dass sich das nie aendert und auch um fuenf Uhr morgens noch so viele Leute anstehen, um ein Original Philly Cheese Steak zu essen. Wenn man sich ein solches Geraet bestellt, muss man extrem auspassen. Wenn man nicht das Richtige sagt, bekommt man keins. Die Menschen hinter der Kasse sind extrem unfreundlich und das gehoert wohl dazu. Also erklaerte uns Bill das lieber zwei Mal. Es gibt drei Kaesesorten zur Auswahl: American, Provolone or Wizz. Also nennt man den Kaese, den man essen moechte zuerst (ich habe Provolone genommen, weil ich den lecker finde, klassischerweise bestellt man aber Wizz). Dann sagt man with or without (was bedeutet, dass man mit oder ohne Zwiebeln haben moechte). Ein normaler Bestellvorgang laeuft also so ab:


unfreundlichster Mensch auf der Welt: Next!


ich: Provolone with


unfreundlichster Mensch auf der Welt: Next!


Bam da wird mir das Philly Cheese Steak hingeworfen, die Haelfte der Zwiebeln faellt heraus. An der naechsten Kasse bestellt man sein Getraenk und Pommes und dann geht man zu so einem kleinen Stand, wo man nach belieben noch Pepperoni, Relish und Ketchup draufmachen kann (klassischerweise isst man es aber ohne).


Vollgestopft und gluecklich haben wir die Jungs und die komische Tiff, die sehr unfreundlich war und mich stark an Frau Schubert (Textillehrerin aus der OS - schrecklicke Frau - ich musste immer die Tafel putzen (habe das laut ihr immer falsch gemacht) und hatte immer eine 3, egal, wie doll ich mich angestrengt habe) erinnerte, dann gedraengt, nach Hause zu fahren, damit Larissa und ich uns auf den langen, langen Weg nach Hause machen konnten.

Sie haben das dann auch getan und Larissa und ich haben uns dann auf den Rueckweg gemacht und nicht verfahren. Die Fahrt verlief sehr harmonisch. Es gab nur einen kleinen Zwischenfall, als Larissa, waehrend eines Paolo Nutini Songs, den wir schweigend hoerten, auf einmal sagte: Wie schlimm waere es eigentlich fuer unsere Verwandten wenn wir jetzt hier sterben wuerden? Also Larissa wirklich, an was du denkst, wenn du nichts sagst...man, man, man.... selten so gelacht. Um sieben Uhr waren wir dann bei mir, haben schnell meine Sachen gepackt und sind mit dem Zug nach Manhattan gefahren. An der Penn Station angekommen, sind wir zu Fuss zur Grand Central gelaufen und sind mit dem Zug nach Chappaqua gefahren. Das ist jetzt zwar schnell erzaehlt, hat aber insgesamt mit Wartezeiten und Latschen vier Stunden gedauert, so dass wir Samstag alles in allem sechs Stunden unterwegs waren. Bei Larissa haben wir uns dann noch ein paar Sex and the City Folgen angeguckt und um ein Uhr ins Bett gegangen. Am naechsten Tag haben wir nur gepimmelt und Million Dollar Baby geguckt. Das war leider der Fehler, weil dieser Film dermassen unvorstellbar traurig war, dass wir beide danach eine halbe Stunde depressiv in der Ecke sassen. Guckt den Film nicht, wenn ihr eh schon traurig sein, danach wird sich eure Laune nicht unbedingt bessern. Ei ei ei.

Gegen halb sechs habe ich mich dann auf den Weg zurueck nach Manhattan gemacht und bin gedankenverloren zum Times Square gelaufen, habe mir ein Eis in der Creamery gekauft und weiter gedankenverloren, meiner wundervollen (traurigen) Musik gelauscht. Ich hatte keinen Blick fuer die Aussenwelt. In der Penn Station angekommen, habe ich ungefaehr das erste Mal meine Umgebung wahrgenommen und mich gewundert, warum viele Leute mit Medallien um den Hals herumlaufen. Und dann. Ein Geistesblitz. Scheisse. Verdammt. Mist. Dreck. Elend. Kacke. Vierte November. Marathon. Elton. TV Total. Peter Kloeppel. 40.000 Menschen. Das Event.

Und ich habe es verpasst. Ich habe einfach vergessen, dass gestern der legendaere New York Marathon war. Und ich war noch die, die alle ueberreden wollte, dahinzugehen, weil ich das unbedingt miterleben wollte, diese Stimmung und alles. Und ich habe es einfach verpasst. Unfassbar. Also nach Million Dollar Baby war ich ja schon traurig. Aber dieser Moment der Wahrheit war schlimmer als schlimm. Wenn man sich einen Fehler eingestehen muss, dann ist das dummer als dumm und die Zeit kann leider niemand zurueck drehen... dumm, dumm, dumm.

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