Sonntag, 23. November 2008

Frisch verliebt

Mein stiefmütterlich behandeltes Nebenfach Soziologie erfreut mich jedoch mit einem Highlight. Donnerstags von 16 bis 18 Uhr: Einführung in die Soziologie bei ihm. Meinem griechischen Lieblingsdozenten. Er lässt sich einfach und fast vollständig mit einem Wort beschreiben: cool. Wie er schon immer, meist ein wenig zu spät, die Treppen des Hörsaal B runterrennt in seinem dicken, schwarzen Parker mit Fellapplikation an der Kapuze. 

Es sei kurz erwähnt, dass Hörsaal B der coolste Hörsaal der ganzen Uni Hamburg ist. Bei ESA B handelt es sich nämlich um den Saal in der Kuppel des Hauptgebäudes.


Mein Dozent, nennen wir ihn Vassi (wegen der Googlebarkeit schreibe ich hier jetzt nicht den vollständigen Namen) ist einfach ultra verpeilt, aber glücklich und man merkt, dass er liebt, was er tut. Und das ist gut. Wir sind 487 Studierende in der Vorlesung - in der Regel sind immer so um die 300 Leute dort, würde ich schätzen. Es ist also immer voll, sehr voll. Die Leute sitzen teils auf der Treppe. Und die ersten zwei Stunden ging ernsthaft eine Anwesenheitsliste herum. Als er merkte, dass sich nicht alle eingetragen hatten, sagte er nächste Stunde an, dass er die Liste aufs Pult lege und wir doch bitte nach vorne kommen sollten, um uns einzutragen. Die nächste Dreiviertelstunde ging nichts mehr und so ist das Vorhaben Anwesenheitsliste grandios gescheitert. Vassi haut nur solche Dinger raus. Beispielsweise meinte er neulich als sich jemand gemeldet hat, dass er doch bitte seinen Namen sagen möge, denn er hat sich vorgenommen unsere Namen alle zu lernen. Traumhaft der Mann und er hat die Lacher auf seiner Seite. Er ist aber auch wirklich witzig. Erstmal sieht er schon cool aus mit seiner lässigen Art. Er ist durchschnittlich groß, hat eine Halbglatze und fast abrasierte, schwarze Haare und trägt eine schwarze Hornbrille. Er trägt coole Klamotten und wenn es doch mal ein Anzug ist, wird dieser mit Sneakern aufgepeppt. Er hat einen sehr starken griechischen Akzent und kann einfach kein "sch" aussprechen. Er sagt einfach Menssen anstatt Menschen. Scheinbar ist es bei Griechen auch so, dass sie unglaublich schnell sprechen. Denn nicht nur, dass wir ihn aufgrund seiner harten Aussprache nicht verstehen können, spricht er auch noch sehr lange Wörter sehr schnell aus. Eine Vorlesung hatten wir das Thema Positivismusstreit und hätte ich nicht in meinen Unterlagen nachgeguckt, hätte ich nicht gerafft, worum es ging. Da der Hörsaal recht groß ist, muss er vorne mit Mikrophon sprechen und fragt alle halbe Stunde, jede Vorlesung: Könnt ihr mich chören (=hören, er kann scheinbar auch kein "h" aussprechen, das klingt immer wie eine Mischung aus "ch" und "k", zu witzig). Dann rufen immer ein paar Leute laut nein, weil man ihn ja wirklich nicht hören kann, aber das liegt nicht an der Lautstärke, sondern daran, dass keiner ihn versteht. Die erste Vorlesung hatte er den OHP an und einige riefen, dass man es nicht lesen könne und er meinte, doch kann man doch lesen. Aber das Licht war noch an und die Fenster waren nicht abgedunkelt. Als er dann einen Schritt nach hinten trat, meinte er nur trocken: Oh ihr chabt recht, man kann es wirklich nicht lesen. 

Letzte Woche haben wir einen Text von Blumer besprochen (besprechen geht übrigens so: wir lesen den Text zu Hause und er stellt anschließend Fragen, worauf sich Leute melden können, dann gibt er ein Mikro in der ersten Reihe los und alle warten, bis es bei demjenigen angekommen ist, der reden soll. Meist geht es dann nicht und so ein kleiner Wicht kommt aus dem Hinterzimmer und stellt es richtig ein. Wenn dann der nächste sich meldet, wird das Mikro dann vom ersten Sprecher zum nächsten weitergereicht - von Mann zu Mann - und sowas kann dauern) und es ging um drei Paradigmen. Irgendwann fragt Vassi so, was Paradigma eigentlich bedeutet und zwei Leute beantworten es. Er sagt, tja, Paradigma kommt natürlich aus dem Griechissen und bedeutet Beispiel. Es war übrigens von der ersten Sekunde an allen klar, dass er Grieche war und niemand stellte es in Frage. Aber nach den ersten 60 Minuten erwähnte er in einem Nebensatz, meine Muttersprache ist ibrigens Griechiss. Geiler Typ. Ach ich wünschte, ich könnte gute Tonqualitätsvideos erstellen, dann würde ich das mal aufnehmen, man muss es einfach mal gehört haben. Aber vielleicht reicht euch auch das nächste Beispiel als Beweis, dass dieser Mann einfach ein ganz großer ist. Wir müssen immer in den Copy-Shop, um seine Texte zu kopieren und da wir neulich Karl Marx gemacht haben (wir sollten den Anfang vom Kapital lesen und ich wäre echt fast verzweifelt - gottseidank meinte er die nächste Stunde, dass uns das nur zeigen sollte, wie staubig die Klassiker der Soziologie sind und dass er das nicht in der Klausur drannehmen wird), legte er einen selbstverfassten Abriss von Marx Leben mit in den Ordner. Ich hab es fast nicht geglaubt und musste es zu Hause erstmal Selda zeigen, die es auch fast nicht geglaubt hat. Hier als kleiner Auszug der erste Absatz von Vassis Marxscher Zusammenfassung, ich zitiere:

"Geboren in Trier, auch wie Durchkeim (Anmerkung von mir, der Mann heißt Emile Durckheim) stammte aus Rabbiner-Familien Sein Vater Rechtsanwalt ist zum Protestantismus übergetreten, weil ab 1815 Juden in Preußen keine öffentliche Ämter ausüben dürften Marx studierte Jura und Philosophie Ursprünglich strebte er einen akademischen Laufbahn, aufgrund seiner politischen Aktivitäten dürfte nicht habilitieren darauf hin Journalismus Nach dem Verbot seiner Zeitung Paris 1843, Bekanntschaft mit den Zirkel von Sant Simon und seinem Freund und Coautor Freidrichs Engels."

Zitat Ende.

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