Sofort beginnen die Synapsen im Gehirn Bilder von einem gestrandeten, haesslichen, farblosen Geleebatzen mit diesen zwei Woertern zu assoziieren. Dieses Ding sich aber mit meinem Gesicht vorzustellen, erscheint wohl den meisten Menschen eher als abwegig. Naja, vielleicht nicht der Ich-hasse-Lisa-Bertram-Fraktion. Und Kracher. Kracher war es naemlich, der beim gestrigen Videotelefonat mit mir die ueberaus charmante Bemerkung machte, ich saee (mit ä) aus wie eine schwabbelige Qualle. Eine schwabbelige Qualle.
Es wird wirklich Zeit, dass ich mir Urlaub nehme. Traumhaft waeren so um die fuenf Tage an einem schoenen Strand mit Palmen, einem eisgekuehlten Pils, knackig gebraeunten Surfern, einer beim Sonnenuntergang in warmes Licht getauchten Promenade und einem Menschen, mit dem man hart chillen kann.
Schade, dass das immer ein Wunschtraum bleibt. Denn ich bin unter 21 und kann mir leider kein Bier kaufen.
Dass man Menschen oefter zeigen sollte, dass man sie liebt und gern hat, weiss man spaetestens seit Grey's Anatomy. Jeden Tag sterben Menschen an Haematomen oder Aneurismen im Gehirn von einer auf die andere Sekunde und dann war es das. Klappe zu, Affe tot, Decke drueber, ab ins Leichenschauhaus. Ganz so hart ist es vielleicht nicht in der unschoenen Realitaet, doch steckt in jeder Primetime Girlie Soap auch ein Fuenkchen Wahrheit. Wozu aber Fernseh gucken, wenn das Leben doch die besten Beispiele jeden Tag liefert? Oft fuehlt man sich dann so als haette man die goldene Arschkarte deluxe im Dauerabo abonniert (Quelle: StudiVZ) und es kann nicht schlimmer kommen. Die Welt ist grau und schlecht und es gibt keinen Ausweg. Die Probleme wachsen einem ueber den Kopf und man moechte sich der Vertrauensperson eben anvertrauen, aber es geht nicht. Man fuehlt sich alleine und wie eine schwabbelige Qualle. Man moechte sich eine Kippe anzuenden, geraeuschvoll husten, den Rotz ausspucken und einen Schluck warme Queen Margot trinken. Das psychische Unwohlsein auf das physische uebertragen. Verdammt, wir sind hier in Amerika und uns sollte es blendend gehen und das Leben sollte genossen werden, aber das geht manchmal nicht. Nicht, wenn man sich alleine fuehlt, weil die Menschen, die man liebt, in Deutschland rumpimmeln. Manchmal fuehlt man sich alleine, obwohl man nicht alleine ist. Aber was nuetzt die Liebe in Gedanken? Und dann passiert etwas im Leben, dass man die Augen oeffnet und begreift, dass es da draussen auch Leute gibt, die sich um einen sorgen und einen moegen und lieben, die man aber nicht sehen wollte, weil vor dem geistigen Auge der Berg an selbstgemachten Problemen zu gross geworden ist.
Puh. Neulich war mein Koordinator Wendy bei uns, um meinen Gasteltern ein paar Routinefragen fuer das neue Au Pair zu stellen und um zu schauen, ob alles in Ordnung sei. Natuerlich war alles in bester Ordnung und so sassen wir nach ein paar Minuten im Wohnzimmer und unterhielten uns ueber mich und wie mein Leben nach diesem Jahr aussehen wuerde. Wendy meinte, dass das Jahr ja nun bald zu Ende gehen wuerde, worauf Lisa seufzte: Ja, es ist so schade und traurig. Und mir gefuehlskalter, schwabbeliger Qualle viel nichts unueberlegteres und besseres ein als zu sagen: Jap, es sind noch 49 Tage! Kurzes betretendes Schweigen.
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Wieso muss ich unpassende Kommentare in unpassenden Situationen abgeben? Kaltherzige Kuh. Es wirkt so als ob ich gar nicht erwarten koennte, endlich hier wegzukommen und nach Hause zu fahren. Und meine Gasteltern sind die besten, die man sich wuenschen konnte und wuenschen kann, wieso muss ich dann sowas sagen, wenn auch noch Wendy dabei sitzt? Dumm, dumm, dumm. Daemlich. Schwabbelige Qualle, elende. Jedenfalls kann sich KEINER vorstellen, was hier los ist, KEINER, der das nicht schon einmal mitgemacht hat. Ich meine, wer kann schon von sich behaupten, dass er bei seinem Arbeitgeber mit im Haus lebt? Schon allein das ist doch widerspruechlich. Natuerlich entwickelt man eine emotionale Bindung zu diesen Menschen und ja, sie sind meine zweite Familie geworden und ich kann mir nicht vorstellen, hier nicht mehr zu wohnen. Dieses Kind sehe ich mindestens 11 Stunden am Tag, fuenf Tage die Woche. Er ist mein Kumpel, ich beeinflusse seine Erziehung groesstenteils und zu mir blickt er auf und nur bei mir sagt er das Gebet beim Essen, was sie in der Schule gelernt haben. Er wird mich auch nach einiger Zeit vergessen haben. Das ist nicht einfach. Wenn man zu jemandem eine emotionalte Bindung (was fuer ein Wort) aufbaut, was einen ja unweigerlich verletzlich und sensibel macht, dann ist es halt verhurte Scheisse, wenn diese Bindung irgendwann einfach verschwindet. Sowas haette man sich ja vorher denken koennen, sagen jetzt einige Schlaumeier. Man weiss trotzdem nicht wie es ist, wenn man nicht drin steckt. Und jetzt, 41 Tage bevor ich nach Hause fahre, wird einem das mit allen Konsequenzen doch erst bewusst. Auf der einen Seite steht Deutschland mit der Familie, die man ein Jahr nicht gesehen hat, das Haus, welches teils neu renoviert, ummodeliert und gestaltet wurde, die Freunde, die auf einmal alle ihre eigenen, seperaten Wege gehen, neue Paare haben sich gebildet, alte haben sich getrennt, Knolle gibt es nicht mehr, dafuer eine neue Kneipe in Peine. Ich habe ausserdem schon meinen Studienplatz. Ich bin kribbelig, ich will das jetzt anpacken und etwas tun. Ich will grillen und endlich mal wieder ein Steak, ein Brot und einen ordentlichen Salat essen. Will ins Mephisto fahren und ein Bier bestellen koennen, feiern gehen und Spass haben. Ich will mir eine Wohnung am liebsten sofort suchen und in Gedanken schon einmal einrichten. Ich bin ungeduldig, hibbelig und ich kann es kaum noch erwarten, die Zeit vergeht einfach nicht mehr. Zuhause erwarten mich neue Aufgaben, alte Bekannte und die Liebe. Wie cool man! Aber ich sitze hier in Amerika. Und das ist verdammt beschissen gerade, weil man nun an dem Punkt ist, wo man nach Hause will. Aber andererseits seh ich meine Leute hier erstmal so schnell nicht wieder. Ich kann am Wochenende nicht mehr in mein geliebtes New York fahren, ausversehen in einen Filmdreh stolpern und mich ueber die amerikanische Kultur aufregen und wieder etwas typisches belaecheln. Keine New York Style Pizza mehr, keine Doughnuts, kein kleiner TJ, kein verpeilter Jon, keine Lisa, die in der Kueche steht und sich ihren quadrillionsten Eistee brueht. Nicht mehr Barb, die immer vor dem Essen betet oder Judy, die zum Fruehstueck Schokotorte mit Bacon und Buttersyrup Pancakes isst. Kein Dachbodenzimmer mehr, wo ich mich aufregen kann, dass es zu laut und zu hell und zu heiss ist und ich nicht schlafen kann, keine Katzenkotze mehr, in die man reintritt (wohl nicht der groesste Verlust). Was mach ich ohne die Stalker Anrufe von meinem Psychoverliebten Nachbar Sean oder die leckeren Eisbecher von Coldstone.
Man kann sich nicht fuer eine Seite entscheiden. Man ist 50/50 hin -und hergerissen und zwar exakt. Ausrasten innerlich nennt man das wohl. Und gerade, wenn ich mich fuer die deutsche Seite entschieden habe, kommt Lisa in mein Zimmer und sagt mir, dass sie ein Hotelzimmer fuer Larissa und mich fuer Donnerstag Abend gebucht hat, damit wir am Flughafen nicht so lange warten muessen bis unser Flieger nach Kalifornien aufbricht. Oder als ich heute bei Jon im Sekretaeriat war und mich fremde Lehrer ansprechen, ob Hamburg denn meine erste Wahluni gewesen sei, weil Jon ihnen ja alles berichtet haette. In diesen Momenten koennte ich weinen, weil ich einfach jetzt schon alle hier vermisse und das ganz, ganz schwierig wird. Jon ist der verpeilteste Typ, den ich je getroffen habe und einer der coolsten. Heute war ich mit TJ in seiner Highschool, weil wir ihm was bringen mussten und er fragt, ob Lisa heute frueher nach Hause kommt, worauf ich ihm erzaehle, dass die heute morgen nach Minnesota geflogen ist und nicht vor Mitternacht zu Hause sein wird. Dabei hat er noch beim Koffer packen geholfen. Er hat den Hochzeitstag verschoben, weil er lieber golfen wollte. Und trotzdem lieben die beiden sich und ich find das unglaublich schoen zu beobachten. Das soll ich einfach so verlassen? Das ist doch zum Kotzen man.
Um 7 Uhr in der Fruehe geht unser United Flug vom JFK New York nach San Francisco. Fuenf Stunden Flug. Eine Stunde Aufenthalt, dann nochmal eine Stunde mit einer kleinen Bombadier runter nach Santa Barbara. Fuenf Tage, nur Larissa und ich. Kein Internet, kein Telefon, keine Kinder, keine hausgemachten Probleme, keine Sorgen. Einfach nur Strand, Palmen, Surfer (ich immer mit meinen Surfern), Feiern, Entspannen, Ausspannen, Relaxen, das Leben wieder geniessen lernen. Wo koennte man das besser als am pazifischen Ozean? Es wird schoen und ich glaube, ich habe selten einer Sache so dermassen entgegen gefiebert. Es haette keinen besseren Zeitpunkt geben koennen als jetzt, wo einem ein bisschen alles zu viel wird. Morgen geht es also los. Ich bringe Lisa und Judy mit den anderen zum Flughafen, denn die holen morgen die kleine Ally aus Kasachstan (sie haben also definitiv die beschissenere Flugzeit) und treffe mich dann mit meinem Kumpel Schroeter in Jamaica, Queens um ins Sheraton Hotel einzuchecken, wobei der Wecker wohl um halb fuenf wieder klingeln wird. Und dann geht es der kalifornischen Sonne entgegen.
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