Sonntag, 29. Juni 2008

Spermboy

Wenn ein 60-jaehriger Mann freigelegte Brueste unter der Sonne Kaliforniens fotografiert, dabei ertappt wird und sich schnell vom Acker macht, dann ist sicher: Dieser Urlaub ist nicht langweilig. Vor allem, wenn sich letztendlich auch noch herausstellt, dass es deine sekundaeren Geschlechtsmerkmale sind, die da nun auf digitale Speicherkarte gebannt wurden.

Donnerstag:
In einem dramatisch anmutenden Fall auf den heissen Asphalt, schreiend, machte TJ deutlich, dass er nicht gluecklich damit war, dass alle seine Leute auf einmal abhauten. Es war 16 Uhr und der gruene Jeep machte sich auf den Weg Richtung Queens, New York. Lisa und Judy wurden zum Flughafen gebracht, damit sie sich auf die lange Reise nach Kasachstan begeben konnten. Ally sollte nach Hause geholt werden. Dass ich ueberhaupt mit im Auto sass, verdanke ich Lisa, die Larissa und mir ein Zimmer im Sheraton Airport Hotel gebucht hatte, damit wir nicht so lange am JFK warten muessen. Das Auto wurde also vollgemacht (Jon [Fluchtwagenfahrer], Timbo [moralische Unterstuetzung], Judy [Kasachstanbegleitung], Lisa [auf Adoptionsmission] und ich [auf Urlaubsmission]) und los ging die uebelkeitserregende, wackelige, zwei stuendige Fahrt zum Flughafen. Uebelkeitserregend und wackelig deswegen, weil Jon ungefaehr so Auto faehrt wie ein an Parkinson Erkrankter einen Faden in ein Nadeloer faedeln wuerde. Irgendwann noch vor der Verrazano Bruecke war mir dann auch schlecht und ich starrte aus dem Fenster und drehte meine Musik auf, um die Umwelt auszublenden. Da ich neuerdings stolze Besitzerin laecherlich grosser Sennheiser Noice Cancelling Headphones bin, war das auch nicht schwer.

Doch nach einigen Minuten drang lautes Lachen zu meinen bereits geschaedigten Ohren und ich stoppte das gerade gehoerte Lied und lauschte neugierig. Es ging um Karin und Angela. Jons Cousine und ihre Lebensgefaehrtin, die ab dem Tag in Kalifornien heiraten koennten, theoretisch, da homosexuelle Ehen nun erlaubt sind in dem Sonnenstaat. Also drehte Jon sich um und sagte: Hey Lisa B. also wenn du und Larissa eine lesbische Verbindung habt und heiraten wollt, koennt ihr das gerne im Urlaub jetzt tun. Na das ist doch toll. Immer gut zu wissen, dass man die Person heiraten kann, mit der man gerade im Urlaub ist. Beruhigend. Bei gleichgeschlechtlichen Ehen blieb es jedoch nicht lange, denn schnell kam das Kinderthema auf. Die beiden haben naemlich einen Jungen und ein Maedchen, welche beide von jeweils einer der Frauen ausgetragen wurde - gleicher Vater jedoch. Nennen wir ihn Spermboy. Spermboy? Ja so wird der anonyme Mensch in unserer Familie heimlich genannt. Man weiss, dass er rote Haare hat, gross ist und Medizin studiert. Ganz wichtig, man will ja einen schlauen fuer seine Sproesslinge. Judy ist der festen Ueberzeugung, dass sie ihn schon einmal im Krankenhaus im Aufzug gesehen hat und hat ihm wohl heimlich: Ich kenne deine Kinder, hinterhergerufen. Sachen gibt es. 

Wie dem auch sei, irgendwann kamen wir dann an dem Hotel an und ich wurde glatt noch zum Abendbrot eingeladen und wir haben ein bisschen gequatscht. Lisa ass ihren letzten Cheeseburger fuer eine Woche (das Leben ist manchmal hart) und ich verspeiste Quesadillas. Nachdem wir fertig waren, brachte ich meinen Koffer in den sechsten Stock, Zimmer 624 und mit einem Klong viel mein Kinn auf den dicken Teppich. So ein Zimmer, Donnerwetter! Dabei war es nur ein Flughafenhotel, aber ich schwoere, in sowas edlem habe ich noch nie genaechtigt (freu mich schon, wenn ich spaeter Geld verdiene und sowas immer machen kann, dann kauf ich einfach ein Sheraton Bett und stelle es mir in mein Schlafzimmer - jippie). Ich kam gar nicht aus dem Staunen heraus. Schade, dass mein Kumpel Schroeter noch nicht da war, denn ich kann positive (wie auch negative) Aufregung immer so schlecht alleine aushalten. Es hiess sich zu verabschieden. Nochmal eine letzte Umarmung fuer die vier - ich Vollidiot wuenschte allen eine gute Reise - in Gedanken war ich schon wieder in dem Pornobett im sechsten Stock. Nun hiess es die naechsten Stunden sinnvoll mit Entspannung zu verbringen, bis Larissa endlich Feierabend hatte und sich auf den Weg durch New York via U-Bahn machen konnte. Sehr anstrengend, aber wenn sie die Betten sehen wuerde? Oh la la, ich garantierte fuer nichts. Selbstverstaendlich hatten wir auch den Flachbildschirm und ich schaltete durch das Programm und endete bei HBO Family, wo Shrek der Dritte lief. Ich flaezte mich auf mein luxurioeses Traumbett und schaute immer mal zum Fenster, wenn ein riesiges Flugzeug einen Milimeter (ich schwoere) an unserem Fenster vorbei flog. Da bin ich ja mehr so das Kind, was sich darueber freut und Fotos macht.





Ich sage mal so, es haette definitiv schlechter kommen koennen. Larissa liess gegen acht auf meinem Handy klingeln, um mir mitzuteilen, dass sie bereits im Airtrain Richtung Federal Circle sitzen wuerde. Ich nahm den hauseigenen Shuttlebus und liess mich zur Haltestelle kutschieren. Ich fuehlte mich wie eine Prinzessin in ihrer Kutsche, nur dass ich in einem miefigen Bus mit kratzigen, grauen Sitzen sass und von einem jamaicanischem Fahrer zum Flughafen gefahren wurde. Immerhin aber nur fuer mich alleine. Freudig nahmen wir uns in die Arme und unserer Fahrer eilte herbei und verstaute die Koffer im Kofferraum. Wir reagierten etwas perplex, waren wir doch so eine Behandlung bis dato nicht gewohnt gewesen. Zurueck im Hotel staunte auch Larissa ueber unser Pornozimmer und schmiss sich sogleich auf ihr Kingsize Bett. Wir beobachteten noch kurz ein paar Flugzeuge beim Landeflug und schliefen dann sofort bei perfekter Raumtemperatur und mit perfekter Matraze, Kopfkissen und Bettdecke ein. Ach und es war dunkel im Zimmer! Ich habe seit 11 Monaten nicht mehr in voelliger Dunkelheit geschlafen.

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