Ich sitze im New Jersey Transit nach Manhattan. Noch zwanzig Minuten, dann habe ich es geschafft. Schon fahren wir untertage. Vorbei an Baustellen, liegengelassenen Chipstueten und sicherlich auch ein paar Ratten - davon gibt es mehr als menschliche Einwohner in der Stadt. Der Zug kommt ruckartig zum Stehen. Die Mitfahrenden draengen sich zu den Tueren, als sie aufgehen, stroemen sie zu den zwei Treppen, die nach oben in die Haupthalle fuehren. Es wird geschoben, gedraengelt und ein bisschen gepoebelt. Manchmal. Und da ist schon die Treppe Richtung 7th Avenue/Madison Square Garden...siebzehn Stufen....drei...
Der unangenehme Teil meiner Reise ist zu Ende. Ich mag ihn trotzdem. Jetzt bin ich da. Manhattan. Es ist laut an der Penn Station. Autos hupen natuerlich, obwohl es 350 Dollars Strafe kostet. Reifen quietschen, Leute schimpfen, man hoert lachen, manche singen laut mit ihrem iPod mit. Afroamerikanische, zwielichte Typen in schwarzen Bomberjacken versuchen vorbeilaufenden Passanten Tickets fuer das Police Konzert voellig ueberteuert anzudrehen. Sie gucken sich um - es ist nicht erlaubt, und wenn die Polizei vorbeikommt, gehen sie auseinander und zuenden sich eine Kippe an und starren auf die Hochhaeuser - total unschuldig. Dampf steigt aus den Gullideckeln. Es stinkt. Nach Asphalt, nach verbranntem Fleisch, was an jeder zweiten Ecke auf Spiessen verkauft wird. Nach gebrannten Mandeln, nach Scheisse (weiss der Teufel warum), einfach nach Abfall und nach zu vielen Menschen auf einem Haufen. Ich liebe es trotzdem. Ich atme es tief ein und freue mich, wieder einen Abend in der schoensten Stadt zu verbringen, ich schaue nach oben, sehe den verschleierten Himmel zwischen den Wolkenkratzern. Ich schaue nach links, entscheide mich einen Block zu gehen. Dort kaufe ich mir gebrannte Mandeln fuer zwei Dollars und verspeise sie genuesslich. Ein Blick nach rechts zeigt mir, dass das Empire heute in den Italienfarben erstrahlt - wie so oft. Ein Blick geradeaus laesst mich vor Vorfreude breit grinsen: die grellen Farben und das rege Treiben des Times Sqaure leuchtet mir entgegen.
Und wenn ich dachte, an der Penn Station ist viel los, dann erschlaegt mich jetzt der pulsierende Times Square. Touristenland. Als wenn die Neonplakate, bunten Bildschirme, und blinkende Schilder noch nicht reichen wuerden, kommt jetzt noch das Blitzlichtgewitter von hunderten Kameras dazu. Immer das gleiche Motiv. Wenn sie zu zweit sind, kuessen sie sich meistens. Ich grinse. Ich marschiere in die Coldstone Creamery und goenne mir einen Beerensmootie. Geniessend schluerfend, schlendere ich zum Billabong Store, darauf bedacht, nicht mit einem der Verkaeufer ein Gespraech anzufangen - die hat man dann naemlich am Hals fuer bestimmt zehn Minuten. Draussen schrillen mehrere Sirenen, drei Ambulanzen rasen vorbei. Ich verlasse das Geschaeft, um das bunte Treiben nochmal einzusaugen. Verkehrspolizisten versuchen grimmig den Verkehr zu regeln - obwohl die Ampeln anstandslos funktionieren ist es ein Ding der Unmoeglichkeit. Jeder geht, wenn er will, jeder faehrt, wenn er moechte. Wieder Hupen, Reifenquietschen, lautes Schimpfen.
Wem das zuviel ist, der kann dem Trubel leicht entkommen, indem er einfach die 42. Strasse hochlaeuft, Richung 5th Avenue. Schlagartig werden die Menschenmassen weniger, es wird ruhiger, wenn man das ueberhaupt ueber die Stadt sagen kann - man muss es halt relativ betrachten. Die Leute scheinen langsamer zu gehen, sie haben Einkaufstaschen in der Hand. Auf meiner rechten Seite erstrahlt der Bryant Park. Eine kleine Oase im Herzen von Midtown. Und dort ist auch schon die grosse Uhr, am Ende der Strasse erleuchtet das schoene Rockefeller Center, auf dem man einem wunderschoenen Blick auf Midtown und Uptown Central Park bei Nacht und Tag hat. Ich bin an der Grand Central Station. Sie ist zur Penn Station kein Vergleich, es ist ruhiger, es geht gesitteter zu. Die Boeden und Waende sind aus Mamor und die Decke ist herrlich bemahlt. In der grossen Halle leuchtet die weltbekannte Uhr.
Ich entscheide mich, die Subway Downtown zu nehmen. Waehrend ich auf die Bahn warte, wird mir die Zeit mit der musikalischen Untermalung exzellenter Strassenkuenstler gegoennt. Er trommelt auf zig Dosen, Eimern und Toepfen und es klingt genial. Ich zahle zwei Dollars und halte mich an einer der Stangen im Abteil fest. Es ruckelt, doch es geht schnell. Ich muss aufpassen, dass ich meine Station nicht verpasse. Und da ist sie: Christopher Street, im Herzen von Greenwich Village. Ich steige aus und als ich die Treppe hochsteige, erwartet mich ein ganz anderes Manhattan: Es ist ruhig, die Haeuser sind viel niedriger, charmanter, man sieht so gut wie keine Touristen, schwule Paare schlendern die Strasse entlang und gehen ins naechste Szene Restaurant.
Hier sieht man die schoenen Feuerleitern der Backsteinappartments. Hier kann man die Leute treffen, die man sonst nur aus Klatschmagazinen kennt. Hier ist es ruhiger, entspannter, romantischer. Man kann unglaublich gut einkaufen und essen gehen. Beides habe ich vor. Ich betrete eine der vielen kleinen Laeden und schaue mir die Teile an. Manchmal hat man Glueck und man findet einen Geheimtipstore, wo es schicke Einzelteile fuer wenig Geld gibt, oftmals sitzen aber in diesen markanten Laeden aufkommende Designer, wo auch die Kleidung dementsprechend teuer ist. Aber egal, sowas nennt man Schaufensterbummeln deluxe.
Ich schlendere nun auch die Strasse entlang und entscheide mich, hoch nach SoHo zu laufen. Dort gibt es viele kleine Cafes, wo man oft sehr gutes Essen fuer gute Preise bekommt - manchmal natuerlich nicht, wie man am Da Silvano's gleich neben der Bar Pitti auf der 6th Avenue sehen kann. Ich beobachte die Leute. Es gibt so unglaubliche interessante Menschen in den Kuenstler Vierteln, so verschiedene Charaktere, dass man den ganzen Tag im Cafe sitzen koennte und vorbeigehende Menschen beobachtet. Hier, Downtown, leben Leute, die keine Hektik verspruehen, so wie in Midtown, hier sieht man Kleidung in Variationen, die man vorher noch nie gesehen hat, wilde Haarschnitte, die einem voellig neu sind und es wird einem eine Lebensart entgegengestrahlt, auf die man neidisch werden kann, weil sie absolut cool, entspannt, laessig und interessant ist. Komischerweise sieht man hier auch viel mehr rauchende Leute als weiter oben in Manhattan, man sieht mehr Huete, mehr Baerte, viel duennere Menschen. Extravaganz auf eine zurueckhaltende Art und Weise.
Langsam ist es komplett dunkel geworden und nachdem ich mal wieder vorzueglich gespeist habe, suche ich mir einen Subway Eingang und fahre wieder Uptown Richtung Penn Station. Ich steige aus und warte gespannt vor dem Bildschirm, das mein Gleis angezeigt wird. Es wird klassische Musik gespielt, wie immer und doch wirkt es etwas Fehl am Platz, sitzt hier doch zumeist die arbeitende Klasse, die nach Jersey faehrt, die Arbeitnehmer, die aus ihren Bueros voellig ueberarbeitet auf ihren Zug nach Hause zu ihrer Familie warten. In der Grand Central Station fahren die Zuege nach New York und Connecticut - reichere Staaten mit weniger Einwohnern, die mehr Geld haben.
Das Gleis erscheint: 13. Alle springen von ihren Sitzgelegenheiten auf und rennen Richtung Gleis 13, um sie moeglichst schnell durch die einzige Tuer zu zwaengen, die zum Zug fuehrt. Die Wartehalle ist wie ausgestorben, nur zwei stinkende, baertige, barfuessige Obdachlose sind, ohne auf das laute Treiben zu achten, auf Stuehlen eingeschlafen. Diese seltene Freude ist jedoch von kurzer Dauer, da sie von Wachmaennern rausgeschmissen werden und so zurueck auf die Strasse, mit Zeitungen zugedeckt, muessen.
Ich habe es geschafft, ich sitze in einem Abteil neben einem indischen Geschaeftsmann und einer dauertelefonierenden, blondierten Tussi, deren Wortschatz nur aus "You know, it's like...you know, I mean, it's like, I don't care, like, I really don't, you know, he's a jerk, it's like...yeah...like, lililike...bla bla bloed..mu" zu bestehen scheint.
Das Geraeusch des schnappendem Lochers des Schaffners ertoent. Unfreundlich und schlecht gelaunt ruft er: Tickets, Tickets please! Als er meinen Sitz erreicht, wuerdigt er mich nicht einmal eines Blickes, als ich ihm mein Ticket reiche. Er schaut nur drauf, und steckt eine geloecherte Karte in den Sitz vor mir, die besagt, dass ich an Station 6, Metuchen, aussteige. Noch 40 Minuten, dann bin ich die dumme Tussi und den schnarchenden Inder los. Jack Johnson eingestoepselt und gedanklich auf Hawaii liegend, nutze ich nochmal die Zeit, die mir bleibt, bevor es morgen wieder mit Arbeit losgeht.
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