Mittwoch, 6. Februar 2008

Biep biep. I'm a new Soul.

Und auf den Super Tuesday folgt das Bergfest. Sechs Monate Amerika, Zeit fuer den melancholischen, mehr im Sinne der Nachdenklichkeit als der Traurigkeit zu verstehenden, Rueckblick. Unweigerlich veraendert die Zeit den Menschen. Man wird aelter (weise Worte), reifer, waechst mit seinen Aufgaben, vielleicht denkt man mehr nach, vielleicht weniger, wird also unbeschwerter.

Was ist also aus mir geworden? In was fuer einem Licht sollte ich mich darstellen fuer die, die mich mindestens ein halbes Jahr lang nicht mehr gesehen haben? Gut, es ist mein eigener Blog, wieso sollte ich mir selbst vor die Tuer scheissen, in dem ich mich negativ reflektiere? Aber da ich angedeutet habe, dass dies ein melancholischer, mehr im Sinne der Nachdenklichkeit als der Traurigkeit zu verstehender, Rueckblick sein soll, bleibt auch dies nicht aus.

Das Jahr 2007 ist so schnell an mir vorbeigezogen, dass ich mich wundere, wie relativ das Zeitgefuehl doch ist. Genau vor einem Jahr sollte ich eigentlich mit Abilernen angefangen haben - was ich natuerlich nicht getan habe. Natuerlich, denn ich wuerde mich schon als faulen Menschen bezeichnen (wobei mir das bis jetzt gottseidank noch nicht geschadet hat, aber "what goes around, comes around"). Und schon hatten wir Osterferien, es wurde ernst und nicht gelernt. Naja, vielleicht ein bisschen fuer Geschichte. Wenn ich an meine muendliche Pruefung gedacht habe, ging mir der Arsch wirklich auf Glatteis. Letztendlich hat sich heraus gestellt, dass ich gerade in diesem Fach am besten abgeschnitten habe. Abitur war ueberstanden, Abientlassung stand an, Abiball stand an, Goldene Hochzeit von Oma und Opa und schon sass ich im Flugzeug nach New York. Ungefaehr so schnell waren acht Monate 2007 vorbei. Ploetzlich ist man alleine, weg von seinen Freunden und seiner Familie, in einer voellig neuen, fremden Umgebung und auf sich alleine gestellt. Das ist nicht beaengstigend, sondern spannend. Man waechst so unglaublich aus sich heraus und tut vielleicht Dinge, die man nicht fuer moeglich gehalten hat. Ich habe mich veraendert. Ich bin gelassener geworden. Da der Durchschnittsamerikaner nichts von Puentklichkeit haelt, habe ich eingesehen, dass es einfach nichts bringt, sich darueber aufzuregen. Nach unzaehligen Malen des Verfahrens in voellig fremden, gefaehrlichen Staedten, Schildersuche, Himmelsrichtungsverwechselungen und einer Fahrt nach Kanada und zurueck, weiss man, dass man irgendwie immer wieder zurueck kommt, man darf nur nicht verzweifeln, sondern muss sich seinen Weg suchen. Ich bin verantwortungsvoller geworden. Jeden Tag auf ein kleines Kind aufzupassen, das dich bedingungslos liebt und dir vertraut und auf dich angewiesen ist, kann man nicht erklaeren und niemand bereitet einen darauf vor. Interessanterweise sind gewissen Aufgaben, die ich frueher nicht wahrgenommen habe oder die ich nur mit Widerwillen bewaeltigt habe, fuer mich nun voellig normal und ich mache sie selbstverstaendlich. OK, das ist jetzt etwas peinlich, aber frueher habe ich zum Beispiel abwaschen, abtrocknen, Geschirrspueler, buegeln und die ganze Scheisse gehasst. Ich habe mit kaltem Wasser abgewaschen (grundguetiger) und war mehr so die bockige kleine Ziege, wenn es um Haushaltspflichten ging.

Heute, da ich in einem Haushalt lebe, wo ich der Haushalt bin, sehen die Dinge anders aus. Als Anja neulich hier geschlafen hat und missmutig nach dem Essen angefangen hat, lustlos abzuwaschen und ich festgestellt habe, dass sie kaltes Wasser benutzt, habe ich ihr erstmal eine fuenf minuetige Standpauke gehalten, wie wichtig es doch sei, heisses Wasser zu nehmen, damit der Schmutz auch vernuenftig abgehe. Ich raeume selbstverstaendlich nach dem Kochen alle Sachen weg, die ich gebraucht habe, wasche alles ab und decke den Tisch (jaja, ich weiss, fuer euch ist das alles selbstverstaendlich, aber fuer mich ist das ein Entwicklugnsschritt). Kochen tue ich auch viel und gerne, wobei ich frueher nicht einmal wusste, wie man Kartoffeln kocht (oh man, ich stelle mich hier nicht gerade im besten Licht zur Schau). Ich bin von einem auf den anderen Moment zu einem 19 jaehrigen (fast 20...ja) Maedchen mutiert, dass einen dreijaehrigen Jungen massgeblich erzieht, ihm sein Mutterersatz fuer den Tag ist, ihn versorgt und zu dem das Kind kommt, wenn es sich wehgetan hat. Und ich muss an dieser Stelle ja mal erwaehnen, dass das ungefaehr das coolste Gefuehl ist, wenn man in einer Halle mit 30 anderen Muettern und 30 Kindern ist und mitten in der Halle faellt dein Kind aufs Gesicht und dir rutscht das Herz in die Hose und du beobachtest, wie er sich aufrappelt, nach genau dir zwischen all den anderen Gesichtern sucht, angerannt kommt und sich an deiner Schulter ausweint und troesten laesst. Und nur du darfst ihn anfassen und nur du kannst ihn troesten. Das ist ein gutes Gefuehl (habe aber trotzdem keine Muttergefuehle fuer den T-Man, falls die Frage jetzt aufkommt, das ist noch etwas anderes).

Streit, Probleme und kleinere Wehwechen, die man zu Hause zurueck gelassen hat, erscheinen einem hier, soweit von Deutschland entfernt, als nebensaechlich und man macht sich kaum noch Gedanken darueber. Es waechst Gras drueber. Ausserdem, was hatte ich denn schon grossartig fuer Probleme? Man konnte doch immer zu seinen Eltern gehen oder mit Freunden darueber bei einer "Problemkerze" sprechen (also bitte an die Symbolik denken, wir haben bestimmt keine Kerze dafuer angezuendet, ich bin doch kein Asi). in den vergangenen sechs Monaten war ich bereits zwei Mal in der Notaufnahme, einmal mit einem komischen Bakteriuminfekt, der andere schon das Leben gekostet hat und aufgrunddessen schon Schulen geschlossen wurden und das andere Mal, wo ich fast abgenippelt waere (so habe ich mich zumindest gefuehlt) mit einem komischen Virus, der dafuer gesorgt hat, dass ich im Rollstuhl durch ein Krankenhaus in einem anderen Staat geschoben wurde. Na herzlichen Dank. Und so schlimm, schlimm, schlimm (...) das auch war, ich habe es ueberstanden und letztendlich gilt doch: was dich nicht kaputt macht, macht dich nur haerter. Ausserdem kann ich mittlerweile einschaetzen, wem ich wirklich wichtig bin in Deutschland und vor allem, wer mir wirklich wichtig ist. Obwohl ich kein Heimwehmensch bin, es noch nie hatte und auch wohl nie darunter leiden werde, vermisse ich natuerlich Menschen zu Hause. Aber mir geht es hier bestens und habe hier ein schoenes Leben und es war die richtige Entscheidung, diesen Auslandsjahrschritt zu gehen, denn diese Erfahrung gemacht zu haben, hat vieles in meinem Leben geaendert, Sichtweisen wie Verhaltensweisen und dies zum groessten Teil positiv.

Ich weiss jetzt besser, was ich will, wer ich bin und was aus mir werden soll (wobei, wer kann das schon genau sagen, vielleicht werde ich ja doch Mathematikprofessor an der Uni Chemnitz und bin mit einer Frau verheiratet und zuechte nebenbei Bullterrier). Auf jeden Fall komme ich zurueck, als eine 20 jaehrige Lisa, die ein bisschen fetter geworden ist und die kuerzere Haare traegt. Aber ich komme auch als eine Person zurueck, die reifer geworden ist und ein paar Fehler, die sie hatte, ausmerzen konnte.

Resuemierend kann man doch behaupten, dass die letzten sechs Monate traumhaft waren, ich (fast) jede Minute genossen habe, richtig aufgelebt bin, Deutschland besser zu schaetzen weiss, Amerika besser beurteilen kann, eine neue (nicht-) Kultur kennen gelernt habe und mich in Manhattan besser auskenne als in Peine. Ich freue mich auf meine naechsten sechs Monate hier, die hoffentlich nicht allzu schnell vorbei gehen werde und am meisten natuerlich auf meine Besucher :*

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