Montag, 21. Januar 2008

Ronny Kimmel

Die Frage, warum wir unbedingt zur Brooklyn Bridge wollten, konnten wir Ross und Jon nicht beantworten. Die Brooklyn Bridge ist eben ein Begriff. Sie gehoert genauso zu Manhattan wie das Empire State Building, der Central Park oder der Times Square.

Am Freitag Abend um acht Uhr wollten Larissa und ich uns in der Penn Station treffen, um mit der roten Linie Richtung Downtown nach Brooklyn zu fahren. Wir haben dann aber doch gezoegert, weil Ross, der unfreundlichste und boeseste Mensch des Universums, beziehungsweise Larissas Gastopa, gefragt hat, ob wir denn sterben wollen, nachdem wir ihm erzaehlt haben, dass wir nach Brooklyn rein wollten. Gut, vorher hat er Unverstaendnis gezeigt, als wir ihm erzaehlten, dass wir die Brooklyn Bridge sehen wollen ("Wieso das denn? Ist doch nur eine Bruecke?"). Und als er dann auch noch erfahren hat, dass Larissa mit mir dahin wollte, war es vollkommen vorbei ("Lisa? Ach die, die bei einem Schneesturm 50mph faehrt").

Hallo? Wer mit dem Auto durch die Bronx faehrt, in die USA ohne Visum einreist, in Philadelphia nicht erschossen wird und alleine zu einer fremden Familie zieht, wird ja wohl auch Brooklyn ueberleben. Waere ja gelacht. Andererseits war es kalt, sehr kalt an dem besagten Abend und meine Tasche wog gefuehlte 76kg. Deswegen haben wir uns erstmal in der Penn Station auf den Boden gesetzt und gerastet und seltsame Leute beobachtet - davon gibt es ja schliesslich nicht zu wenig in der Stadt. Auch das wurde auf die Dauer langweilig und so schleppten wir uns in die Subway. Downtown, downtowner, South Ferry. Der suedlichste Subway Punkt in Manhattan und auch der suedlichste Punkt Manhattans.

Moment, hier waren wir doch schon einmal? Vor fuenf Monaten mit der Au Pair Schule. Scheisse, war das scheisse damals. Aber die Staten Island Ferry war kostenlos, daran konnte ich mich erinnern. Da standen wir jetzt davor, beziehungsweise drinnen, denn die Subway endet im Ferry Gebaeude. Mit der Staten Island Ferry fahren, um mal wieder die Freiheitsstatue anzusehen? Warum nicht, es war schon dunkel und beleuchtet gesehen hatten wir sie ja noch nicht. Die gute. Kleine Maus. Die Frau mit dem Licht leuchtet den Einwanderern freundlich den Weg in die Staaten. Haha, schoen waers.

Jedenfalls sind wir natuerlich mit der Ferry gefahren und haben es auch genossen. Der Hudson River hat uns Seeluft um die Nase geweht, Manhattan entfernte sich, stark und wunderschoen beleuchtet, immer weiter aus unserer Sicht und rechts von uns tauchte sie auf, die Freiheitsstatue. Ganz schoen klein, auf den ersten Blick, doch trotzdem ein erfuerchtiger Anblick. Da wird man schon ein bisschen melancholisch und erneut wird einem bewusst, wo man sich gerade befindet und wie gut es einem noch geht.

Doooood. Staten Island. Da wohnt Ross ergo wollten wir dort nicht hin.  Sind also kurz ausgestiegen und wieder eingestiegen, um zurueck zu unserer Insel zu fahren. Konnten uns aber leider nicht an der Rehling entspannen, weil ich mal wieder meinen Gedanken freien Lauf gelassen habe. In diesem wirren Konstrukt extremer Synapsenuebertragung stellte ich mir vor, welchen psychischen Belastungen Larissa ausgesetzt waere, wenn sie ein Erinnerungsfoto von mir an der verrosteten Rehling machen wuerde und in dem Moment ein weisser Hai mit blutverschmierter Fratze und 647 Zaehnen im vernarbten Maul hochspringen und mir den Kopf abbeissen wuerde. Erstmal wuerde sie wahrscheinlich gar nichts denken und einfach reflexartig auf den Ausloeser druecken. Ist ja auch ein feiner Schnappschuss. Hat nicht jeder. Dann wuerde sie anfangen zu schreien, weil ich wie ein gerade gekoepftes Huhn auf sie zu laufen wuerde und dann, 20 Zentimeter vor ihren Fuessen, zusammen brechen wuerde. Oh Gott. Danach haben wir uns leider nicht mehr zu nah an die Rehling getraut. Das erinnert mich an meine fruehe Kindheit und auch Jugend, wo ich nachts nicht im Dunkeln schlafen konnte und meine Haende oder andere Gliedmassen nicht aus dem Bett haengen lassen konnte, weil ich Angst vor Haien unter meinem Bett hatte... nun gut.

Hatten zwar noch nicht viel gemacht, aber die mittlerweile vom amerikanischen Essen geweiteten Kuhmaegen waren schon wieder am knurren. So hiess die erste Aufgabe, nachdem wir wieder manhattischen Boden betreten hatten: Essen suchen. Am besten Subway. Aber wo waren wir ueberhaupt? Wo mussten wir hin? Ich seh nur Wasser. Zum Glueck sind wir ja im Herzen nach fuenf Monaten notorischem Verfahren so gechillt, dass wir nicht gleich in Panik verfallen und einfach drauflos gehen.


Irgendwo hin, gefuehlt nach rechts, die Bruecke ist da bestimmt irgendwo. Downtown, downtowner, South Ferry ist wirklich ein bisschen unheimlich. Kaum jemand war auf den Strassen, Dampf kam aus allen Strassenloechern, ab und an mal ein gelbes Taxi und entfernte Sirenen waren zu hoeren. Und Larissa und ich. Wenn wir wirklich gestorben waeren, Ross haette gesagt: Ha, hab ich es nicht gesagt? Aber diese Lisa liebt ja auch die Gefahr, wenn sie mit 50mph bei einem Schneesturm faehrt (das haelt er mir vor).


Doch was sehen meine Augen nach ungefaehr 20 Minuten Fussmarsch? Ein Subway! Tadaa! Dort haben wir erstmal unsere knurrenden Baeuche mit leckerem Chicken Teriyaki Wrap und Veggie Sub und ueberaus orangener Fanta Orange gefuellt. Der schleimige, notgeile Verkaeufer hat uns dann sueffisant erklaert, dass es bis zur Bridge noch circa 20 Blocks waren. Uff. Aber was soll man machen? Gehen! Also gingen wir und gingen wir und gingen wir und...

...gingen wir. Und auf einmal war sie da. Und dahinter gleich noch zwei weitere Bruecken. Gross, maechtig, beleuchtet, imposant und doch auf den Fotos nicht so gigantisch rueberkommend. Verzeihung, ich brauche eine bessere Kamera fuer die visuelle Darstellung in diesem Blog.

Die naechste Parkbank war unsere und wir entspannten uns aufs Neue. Die Aussicht geniessen, die East River Luft geniessen und das Leben, die Liebe und die Freundschaft geniessen. Einfach geniessen und dann wieder aufstehen und die Subway suchen. Das hat auch nochmal 20 Minuten gedauert. Direkt zur Grand Central Station gefahren und den Zug um 00.06 Uhr nach Chappaqua genommen und von der Polizei im Leichenwagen Volvo angehalten. Beziehungsweise er wollte uns anhalten, aber Larissa wollte nicht.

Wir brettern gerade gemuetlich die King Street hoch. Auf einmal ein Feuerwerk von weiss, rot, blauen Lichtern hinter uns. Nur Stevie Wonder haette das nicht gesehen. Larissa faehrt weiter. Ich erwaehne, dass ein Polizeiauto hinter uns faehrt und die Lichter anhat. Larissa faehrt weiter. Ich bemerke, dass er wahrscheinlich uns meint und wir eventuell gerade in einer Polizeikontrolle stecken. Larissa keeps going. I assume that he wants us to stop and tell her how I feel about stopping the car immediately. Larissa faehrt weiter. Ich sage ihr: Alter, halt sofort das verdammte Auto an, sonst erschiesst der Typ uns noch, man! Larissa zoegert das erste Mal. Sie ueberlegt: Ja, vielleicht hinter der Kurve. Ich fasse es nicht, wie kann man nur so gechillt sein? 

Sie stoppt. Das Polizeiauto mit den lustigen Lichtern stoppt auch. Ein Baer steigt aus. Er hat eine Glatze und einen Trucker Schnauzer. Seine grosse, starke, wenn noetig bereit zu zermalmende, Hand umfasst die schwarze Knarre, die er offensichtlich am Schaft traegt. Die Sekunden vergehen wie Minuten, Larissa kurbelt das Fenster halb herunter. Sie wissen aber schon, dass sie SOFORT anhalten muessen, wenn ich sie dazu bewegen moechte, SOFORT und nicht erst nach zwei Meilen Fahrt. Larissa sagt erst gar nichts und dann: What? Ich denke: Wat? Oh nein, was ist denn mit meiner Begleitung los? Glatzenschnauzer wiederholt: Sie wissen aber schon, dass sie SOFORT anhalten muessen, wenn ich sie dazu bewegen moechte, SOFORT und nicht erst nach zwei Meilen Fahrt. Jetzt versteht es auch Larissa und sagt, was man in so einem Falle zu sagen hat: Tut mir Leid. Polizist fragt uns, ob wir getrunken haetten (haha, schoen waers), ob wir was verbotenes im Auto haetten oder Drogen genommen haetten. Nein, alter! Was denkt er denn? Sie zeigt ihre Papiere, er faengt einen kleinen, widerlichen Flirt an, fragt zwei Mal nach, wo wir genau wohnen und laesst uns weiter fahren. Jon hat mir danach erzaehlt, dass das leider die traurige Wahrheit ist und dass Statistiken zeigen, dass ueberdurchschnittlich viele Jugendliche und Farbige in Polizeikontrollen kommen ohne etwas falsch gemacht zu haben. Sowas liebe ich. Naja, das war jedenfalls Freitag. Die schwarze Randi kommt dann Samstag. 

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