Mittwoch, 10. Februar 2010

Der Döner Darwinismus

PS: Nick Cave ist großartig.

Mein Tag heute. Geht so. Normaler Anfang, drastische Wendungen, philosophisches zum Mittag und Tragödie am Nachmittag, geendet mit einem Glas Rotwein und einer Zigarette. Ja, ich weiß, ich wollte aufhören. Aber lest euch diese Geschichte erstmal durch, dann sehen wir weiter. Um zehn Uhr hat der Wecker geklingelt. Ich wollte gleich aufstehen und zur Uni, endlich meine Texte kopieren und mit der Hausarbeit anfangen, die ich in neun Tagen abgeben muss. Hahaha, da lacht der pure Wahnsinn aus mir raus. Aber ich habe gerade so schön geträumt und deswegen war ich etwas überrascht, als ich fünf Minuten später auf die Uhr schaute und es schon 11 Uhr war. Nun gut, ich musste mich aufraffen. Viel zu tun heute. Gemütlich Musik angemacht (an dieser Stelle sei gesagt, ich habe bei ByteFM schon zwei Mal das Lied Feuer der Liebe gehört - ich liebe es, finde es aber nirgendwo. Ich wäre sehr dankbar), Haferflocken mit Banane gegessen und geduscht. Mein Zimmer teils ausgeräumt, um Platz für eben jene Errungenschaft zu machen, die ich mir später kaufen wollte.
Um kurz nach eins machte ich mich auf den Weg in die Uni und wurde so langsam rot vor Zorn als ich sah, dass der Ordner mit den Texten immer noch (seit drei Tagen) aus dem Regal verschwunden ist. Man kann den Ordner nicht ausleihen. Also wo verdammtnochmal steckt er? Ich raste wirklich aus. Lies mir eine Telefonnummer geben und werde morgen nochmal abchecken.
Da ich nicht für fünf Minuten Uni extra aufgestanden sein wollte, recherchierte ich noch ein bisschen im Campus Katalog und fand dann drei Bücher über Stadtforschung und Lebensstile der Großstadt, die mir vielleicht weiterhelfen können, werde das gleich mal abchecken. Nun gut, da Flip mich eh gefragt hat, ob wir dönern wollen, rief ich ihn an, dass es doch noch klappen würde und so fuhr ich zum Eppendorfer Weg um dann geschlagene 20 Minuten (Pünktlichkeit ist eine Tugend, mein Lieber) auf den Mann mit der Adidas Mütze zu warten.
Als er endlich da war, betörten wir den Dönermann, er möge uns doch bitte einen anständigen Döner in anständig kross gegrilltem Fladenbrot machen und nicht in diesem Pita-scheiß-Verschnitt-scheiß-länglichem-scheiß-Brot. Er hatte noch Fladenbrot da und der Döner entlohnte mich für alle Misere, die mir bis dahin widerfahren ist.
Wir genossen den knusprigen Döner in vollen Zügen und ich spendierte ihn Flip, weil er mir gleich dabei helfen würde, das Regal abzuholen. Wir ließen uns aber Zeit, sollte ich doch erst um sechs Uhr anfangen zu arbeiten. Beim Bezahlen versuchte ich dem Dönermann nochmal klarzumachen, dass er mit dem Pitashit nicht weit kommen würde und lieber wieder, wie früher, anständiges Fladenbrot verkaufen solle. Seine Frau, die hinterm Tresen die Saucen anrührte, pflichtete mir bei und meinte auch, dass das Fladenbrot viel besser schmecke als das Pita. Auch er pflichtete mir bei und meinte, geschmacklich sei Fladenbrot besser und eigentlich auch günstiger, aber man könne sich eben dem Döner Darwinismus nicht beugen.




So, da stehste da mit deinen 21 Jahren, Student im drittem Semester und der Dönermann vom Eppendorfer Weg muss dir erklären, dass durch den Döner Darwinismus das Fladenbrot am Aussterben ist und Pita als das stärkere Brot sich langsam durchsetzt (man könnte an dieser Stelle ansetzen und so der Jugend von heute im Bio oder Ethik Unterricht den Darwinismus erklären): den Döner Darwinismus. Mittlerweile hatten wir es kurz vor drei und wir nahmen den Bus zur Holsten Ecke Stresen, um von dort in den dreier zu steigen und nach Bahrenfeld zu Utschy zu fahren, um sein Auto zu borgen. Flip wollte sich aber noch ne Fritz kaufen und so kam ich mit zu Edeka und gönnte mir noch einen halben Liter Ginger Ale... fatal... wie sich herausstellen würde, denn die Hälfte landete nicht in meinem trockenen Mund, sondern in meiner Stofftasche, wie ich leider erst spät bemerkte, aber gerade noch rechtzeitig, um die drei Uni-Bücher zu retten (übrigens das erste Mal nach anderthalb Jahren, dass ich mir für mein Hauptfach ein Buch ausleihe - langsam wird es was mit meinem Studium - ich spüre es). Das war also die zweite Tragödie an diesem Tag (die erste war, dass der Ordner wieder nicht da war und eine halbe Tragödie, dass besagter Junge mich so lange in der Kälte warten ließ). Jedenfalls sind wir dann irgendwann in Bahrenfeld angekommen, ich erfuhr, dass Tokio Hotel dort wohnt. Bei den beiden in der Wohnung hat mich Paula, der Jack Russell, auch noch in die Hand gezwickt (aber der wollte bestimmt nur spielen, richtig?) und wir bekamen die Autoschlüssel mit der dringlichen Bitte, es doch bitte sauberzuhalten, da es komplett gesaugt war, um später verkauft zu werden. Ja, klar, machen wir! Draußen auf der Straße (ich muss nicht erwähnen, dass sie vereist und verschneit war), befreiten wir die Scheiben von Schnee, setzten uns rein und drehten den Schlüssel um, Gang rein. Leider hörten wir die Reifen durchdrehen, aber nichts geschah. Ich stieg aus, versuchte von hinten zu schieben. Natürlich hat es sich kein Stück bewegt. Also stieg ich auf der Fahrerseite ein und Flip versuchte zu schieben. Auch dann passierte nichts. Wir stellten fest, dass die Reifen in einer Eiskuhle steckten und so nicht rauskommen würden. Ich fragte, ob er nicht rausholen könnte, aber er kam nur mit zwei Holzbrettern wieder, weil sie gerade aßen. Nun gut, die Holzbretter wurden dreckig, aber das Auto bewegte sich nicht.

Ich kürze das an dieser Stelle jetzt ab und berichte einfach, dass wir im End Effekt über eine halbe Stunde das Auto nicht freibekamen bis ich zwei Typen, die auf der Straße langgingen, fragte, ob sie mal kurz anschieben könnten. Mit deren Hilfe und dem grandiosen Tipp, im zweiten Gang anzufahren (wusste ich ja nicht), bekamen wir das Auto frei und konnten endlich losfahren. Es war halb fünf. Aber noch war ich ruhig. Schon bald war ich aber nicht mehr ruhig. Denn nach ungefähr anderthalb Kilometer sagt Freund neben mir: Fuck, wir müssen tanken, das Auto verreckt. 200 Meter weiter: Krächzende Geräusche, ein letztes Tuckern. Das Auto war tatsächlich verreckt. Einfach stehen geblieben. Obwohl wir präventiev noch schnell Heizung, Radio und Lüftung ausgemacht hatten. Ich bin noch nie wegen Spritmangel stehen geblieben. Heute war mein erstes Mal. Wiegesagt, ich brauche ja nicht erwähnen, dass es heftig geschneit hat. Ich sage, scheiße Philipp man, wo ist die nächste Tankstelle? Er sagt, Sternbrücke. Ich sage, nicht dein Ernst. Er sagt, dann müssen wir zurück gehen. Ich sage, wie weit? Er sagt, sehr weit. Ich sag, OK, wir haben keine Wahl. Auto abgeschlossen an der Seite unter dem Gehupe von anderen Autofahrern, aber was sollen wir machen? Und noch hoffnungsvoll bei einer Autowerkstatt nach Sprit gefragt, die hatten natürlich keinen. Also sind wir zu Fuß zur Bushaltestelle, dann eine Station gefahren und zu Aral. Dort hatten sie natürlich keine Ausleihkanister mehr und so musste ich einen für teures Geld kaufen. Mein Regal wurde vom Wert immer teurer...
mit dem vollen, blauen Aral-Benzinkanister machten wir uns wieder auf den Weg zu unserem verreckten Saab und ich fing an, dass Aral Werbelied zu pfeifen, wurde aber nur mit einem strafenden Blick von Flip ermahnt. Wir waren beide kurz vorm Explodieren, aber ich versuchte wenigstens noch ein wenig Stimmung zu bringen... stillschweigend und ohne einen Blick zu wechseln, betankten wir das leere Auto.



Mittlerweile war es kurz nach halb sechs, ich sollte 20 Minuten arbeiten. Mit einem Anruf und einer Notlüge machte ich klar, dass ich heute später kommen würde. Es wurde gottseidank akzeptiert. Beim Geschäft endlich angekommen, kaufte ich schnell das Regal, regte mich noch über die Verkäuferin auf, diskutierte mit ihr wegen einiger Dinge und verließ dann gestresst, aber immerhin mit Regal das Geschäft. Kurz nach sechs, Richtung Brunsberg, mein Handy klingelt: Tanju sagt mir, ich brauche nicht mehr arbeiten kommen. Etwas perplex, aber erleichtert, nahm ich das Angebot an. Mittlerweile ist mein Regal aufgebaut, ich liege in meinem "neuen" Zimmer und es ist wirklich sehr schön. Man kann den Tag auch positiv sehen: Endlich habe ich mal wieder etwas zu berichten. Ich erlebe zur Zeit auch andere, sehr positive Dinge, aber die kann und will ich hier nicht berichten. Geheim, weißte Bescheid.
Eben, kurz nach neun, mein Handy klingelt. Flip: Ey Lisa, guck mal, hab ich die Hutablage auf der Straße liegen lassen? Ich denke: das darf nicht wahr sein und gehe raus, um die Hutablage zu suchen. Ich konnte nichts finden, bis ich auf die Idee kam, mich auf die Knie zu hocken und tatsächlich: unter einem Auto, schon ganz verschneit, lag die steife Hutablage. Ich zog sie raus, kratzte den Schnee ab und rief Flip an, der dann nach zehn Minuten kam und die Hutablage abholte. Während des ganzen Aufenthalts auf der Straße wurde ich von meiner wachsamen, uralten Nachbarin, der alten Schnüfflerin, aus dem Fenster beobachtet. Ich hätte ihr fast zugewunken. Naja, nun ist fast alles gut.

Zunächst die künstlerische Komponente meiner neuesten Errungenschaft: ich im Rausch der Zeit, wie ich es nennen möchte, im Hintergrund, das neue Stück.

Ich nochmal im Rausch der Zeit, jedoch schneller bewegt, also weniger ersichtlich.
Tadaa:
Tadaa:
Auch TJ ist natürlich wieder mit dabei!
Tadaa:
Tadaa:
Tadaa:
Ich danke dir, Philipp, herzlich für deine Hilfe. Ohne dich wäre mein Leben irgendwie langweilig... ;)

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