Du willst mich haben, denn du findest mich schön. Und ich muss sagen, das kann ich gut verstehen. Der Herbst ist endgültig da. Die gelben Blätter fallen im Minutentakt. Ich bin noch nicht so alt, dass mir ein Oberschenkelhalsbruch zum Verhängnis werden kann, doch sollte man trotzdem vorsichtig bei erhöhter Rutschgefahr sein. Es ist Mitternacht, ich bin so eben von der Arbeit gekommen. Mein Arbeitsplatz ist nicht etwa das horizontale Gewerbe, nein. Ich bin nun Barkeeper. Barkeeper in einem Restaurant. Verabschiedet vom staubigen Büroalltag far, far away, sind nun große Lübzer, Milchschaum und Mojitos meine Welt. Es macht wirklich Spaß, der Einstieg in die Gastronomie fiel mir leichter als gedacht. Diese Hektik und der Kontakt mit essenswütigen Menschen lassen mich zur Höchstform laufen - ich bin nun mal ein schneller, nervöser, ja, hektischer Mensch. Ich passe da rein. Meine Kollegen sind alle nett, der Chef hat Alkoholprobleme, aber darüber sehe ich hinweg. Das Ambiente stimmt. Also das Arbeitsambiente.
Nach zehn Monaten im Staatsarchiv sehnte ich mich nach Neuem, nach kürzeren Pendlerwegen und frischen Erfahrungen. Die Zeiten gehen völlig in Ordnung und die Entlohnung ist auch besser. Freitags habe ich keine Uni. Drei Tage Wochenende. Selbige ist übrigens zur Zeit höchst interessant, ich bin motiviert - obwohl es ziemlich hart und anspruchsvoll ist. Das dritte Semester als Knackpunkt, doch bis jetzt sind alle Noten zur vollsten Zufriedenheit und mein Leben ist gut. Es fehlt, wie immer, Liebe und Zärtlichkeit - was in den kalten Wintermonaten sicherlich zum ein oder anderen gedankenverlorenen Melancholieabend führen wird, aber was will man machen: Ändern kann man es ja sowieso nicht. Doppelbetten können ziemlich groß sein. Über die Zeit der dunklen Jahreszeit hilft übrigens Element of Crime ziemlich gut weg. Ich liebe diese Geschichtenerzähler um S. Regener. Derzeitige Top 5 meiner viel zu kleinen Musiksammlung sind:
1. Closing Time - Leonhard Cohen
2. Element of Crime - Deborah Müller/Immer da wo du bist, bin ich nie
3. Dimestore Diamond - Gossip
4. Longer Boats - ehem. Cat Stevens
5. Halt mich - Philipp Poisel
Ja, so sieht das aus in meinen Ohren. Wobei ausdrücklich gesagt sei, dass die Texte hierbei lieber gehört und akzeptiert, anstatt auf sich bezogen werden sollten. Runterziehende Wirkung und so weiter. Des Weiteren sei zu erwähnen, dass ich Dinge auf meiner Jungfräulichkeitsliste wegstreichen kann. Jungfräulichkeit muss nicht unbedingt als Akt des Häutchenreißens bezeichnet werden, auch wenn jeder Mann/Mensch wohl sofort an Sex denken mag. Sex, zumindest als Gedanke, ist doch in vielen Köpfen tief verwurzelt. Gesellschaftlicher Druck, medial gefördert vielleicht. Nein, ich meine Jungfräulichkeit im Sinne von Dingen, die ich noch nie-gemacht-habe. Sowas wie Gin Tonic trinken. Gin Tonic als ein Getränk, welches mir nie in den Sinn kam, wenn ich an Getränke im alkoholischen Promillebereich dachte. Jedoch äußerst schmackhaft und erfrischend ohne Langeweile. In München geschah dies. Was geschah dort noch? Nicht viel erwähnenswertes. Schön wars, idyllisch. Von einigen Lauten der Nacht unterbrochen, jedoch erholsam genug, um von einigen entspannenden Tagen mit Freunden zu sprechen.
Freunde sind sowieso ziemlich wichtig. Nicht umsonst heißt es doch so schön: Friends are the family we choose. Immer schön am Ball bleiben, nett und aufmerksam sein, lautet die Devise als guter Freund. Ja. Was mache ich also dieses Wochenende? Morgen Abend wird wohl das Centro Lire in der Karolinenstraße von meiner werten Mitbewohnerin und mir getestet, um anschließend idealerweise mit Colli und Flip den Genüssen gut sortierter Bars zu erliegen. Samstag dann endlich, endlich eine WG-Party. Meine erste, also wieder eine Entjungferung. Ihr lacht, ja? Nach einem Jahr Studium noch nicht bei einer WG Party gewesen. So einfach ist das aber nicht. Hamburg ist nicht Münster, ist nicht Tübingen, ist nicht Braunschweich. Hamburg ist zu groß, um trotz 40.000 Studierenden als Studentenstadt zu gelten. Es ist und bleibt anonym. Ich meine, zumindest trifft man hier und da schon mal Menschen im Bus, die man mit gutem Gewissen grüßen kann. Auf dem Campus das ein oder andere Gesicht inklusive Namen. Man baut sich so seinen sozialen Wirkungskreis auf und trotzdem - es bleibt meist oberflächlich. Viele "Diskobekanntschaften" sieht man nie wieder, was natürlich auch ungeahnte Vorteile haben kann... ich würde mir wünschen, dass mein Leben hier studentischer wird. Dass ich mein Leben mit Schwerpunkt Hamburg auch auslebe. Ich kann sagen, ich arbeite daran. Vielleicht lerne ich morgen meinen zukünftigen Freund, mit dem ich bereits angesprochenes Doppelbett teilen könnte, kennen? Who knows. God knows. Who's God? Anyway.
Ich lasse mir noch einen trockenen Dornfelder schmecken und falle dann ins Bett, um, ungeachtet des nicht eingeschalteten Weckers, auszuschlafen und einfach nur das zu tun, wonach mir gerade ist. Ein gutes Wochenende steht bevor. Habe mich gerade wieder an diese geniale Stadt gewöhnt, so muss ich nächstes Wochenende leider wieder nach Hause in die Heimat. Würde gerne mal für länger bleiben, aber es lässt sich derzeit nicht vermeiden: Schade eigentlich. Hamburg ist so schön, wirklich. Ich kann nur immer wieder betonen, wie ich es auch an dieser Stelle jetzt tue, dass ich die Stadt liebe. Diese kleine Großstadt mit dem Hafen und den Vierteln und meinen neuen Freunden und Bekanntschaften. Jetzt ist es schon halb 1 am 30. Oktober. 30. Oktober, wie ist das schon wieder passiert? Zeit vergeht so rasend schnell, lieber sofort weitermachen und jede einzelne Minute genießen. Zum Glücklich Sein reicht es vielleicht noch nicht. Bin ja der Meinung, dass vollkommenes Glück eher zu zweit zu erreichen ist. Wie will man seiner Lebenslust Ausdruck verleihen, wenn man keinen Partner hat, dem man das alles erzählt?
Wir hatten wieder Ärger mit unserem Nachbarn. Nach einem Telefonat mit der Vermieterin (man erinnert sich an die schrille Stimme..), sollte das jedoch geklärt sein. Schade natürlich, dass manche Menschen sich über jede Kleinigkeit aufregen.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen