Da liege ich also mitten auf dem staubigen Boden unseres möbellosen Flurs. Den Miniaturpinsel in der einen, die Salatschale mit der himmelblauen Farbe in der anderen Hand, robbe ich Centimeter um Centimeter und fülle die weißen Stellen mit blau aus. Nebenbei brummelt es aus Seldas halbgeschlossener Tür. Nein, so geht das nicht, das ist ja die Krankheit, wo man sich die Finger abbeißt. Eine Milliarde Jungen. Kohlenhydrate. Andere Leute hören Radio, ich lerne unfreiwillig Medizin. In meinem Zimmer steht der Wäscheständer und Eric Clapton singt leise von der San Franciso Bay. Die Frage, warum mein Studium noch nicht mein Leben völlig einnimmt (nicht mal ein Viertel) sei an dieser Stelle berechtigt. Womöglich bin ich fast schon schmerzlich faul. Diese Dreistheit, die ich scheinbar besitze, mein Studium derart vor sich hindümpeln zu lassen, muss man erstmal besitzen.


Ich weiß nicht, wo die Motivation hin ist, aber sie kommt bestimmt (wieder). Heute hatte ich schon einen kleinen Lichtblick. Bin stundenlang über den Campus gerannt und mich bei verschiedenen Leuten beraten lassen. Über Nebenfachwechsel... hat ja nicht lange gehalten mit Soziologie. Ja schon, aber man muss auch bedenken, dass ich es nie studieren wollte. Es war eine notgedrungene Wahl aus einer Liste unmöglicher Fächer, da ich mein Wunschfach nicht bekommen hatte. Nun also soll es Deutsche Sprache und Literatur werden. Wieso zum Teufel kann dieses Mädchen nichts anständiges in ihren Leben anfangen und vernünftig sein. Handfeste Dinge studieren. Was denn, Holzwirtschaft? Alles eine Frage des Blickwinkels und mit Engagement und Verbissenheit (nicht bezogen auf Faulheit oder Fleiß) sind bis jetzt viele ans Ziel gekommen. Bis jetzt verlief alles nach Plan. Erstmal muss etwas sehr schief gehen, bevor ich mich vom Gegenteil überzeugen lasse.
Ein netter Germanistikprofessor hat mir Mut gemacht und so bewerbe ich mich nächste Woche für das Nebenfach Deutsche Sprache und Literatur zum Sommersemester 09. Hoffentlich klappt es, denn lange halte ich dieses langweilige Gelaber in Soziologie nicht mehr aus. Ich bin dafür einfach nicht gemacht und mein Hirn wehrt sich auch gegen dieses Fach. Es ist ein Bastardkind. In den Weihnachtsferien werde ich die Lektüre zur Statistik (Freude) durcharbeiten, damit ich endlich grobe Ahnung von meinem ungeliebtesten Fach bekomme und in der Klausur nicht völlig versage.
So einfach ist es auch nicht. Nicht viel mehr als zwei Monate lebe ich jetzt in dieser lauten, rasanten Stadt. Ständig neue Leute, neue Herausforderungen, Erwartungen, die zu erfüllen sind oder enttäuscht werden. Einlebungsversuche und Lebensversuche. So ganz alleine wohnen bedeutet eben keinen Weihnachtsschmuck zu haben, hängt man ihn nicht selbst auf. Kauft man sich kein Brot, hat man kein Brot. Einfache Logik, doch braucht es mehr als den Verstand, diesen Missstand auszubügeln. Es braucht Übung. Übung im "wahren" Leben. Alleine. Alleine fühle ich mich ziemlich oft hier in der großen Anonymität der Stadt. Meist ist es morgens schon grau verschleiert und regnerisch, man fährt zur Uni, kennt niemanden, isst alleine, fährt wieder nach Hause, schaut noch fern und geht ins Bett. Die große Freiheit am Hafen mit den majestätisch anmutenden Kränen, Trockendocks und Containerschiffen schnuppert man nur, wenn man auch hingeht. So ist das eben. Das Leben ist nur so malerisch, wie man es sich macht. Und meist ist der trübe Alltag allgegenwärtiger als das schillernde eifersüchtig machende Leben, von dem ich oft berichtet habe - es aber eher selten ist.
Man stelle sich vor, man zieht von zu Hause aus. Das ist merkwürdiger als die es sich denken, die noch zu Hause wohnen. Man ist oft alleine und richtige Freunde findet man nicht innerhalb kürzester Zeit, das muss erst wachsen. Die Freunde sind zu Hause, treffen sich in gewohnter Atmosphäre und Leben ihr gewohntes Leben. Man wird eifersüchtig auf diese früher unwichtigen Kleinigkeiten und wünscht sich mehr als einmal wieder nach Hause in gewohnte Umgebung. Aber das geht nicht und das wird für mehrere Jahre nicht gehen. Verdau das erstmal. Du bist zwar da, wo andere Urlaub machen, aber dein Leben ist kein Urlaub, sondern es ist zunächst erstmal orientierungsloses Dahinwabern.
Eine Freundin aus der Uni hat mit ihrem Freund Schluss gemacht. Sie sagt, es ist komisch. Auf einmal ist man alleine. Auf einmal fehlt die Person, der man routiniert abends noch eine gute Nacht gewünscht hat, die man vermissen durfte, von der man wusste, dass sie einen bedingungslos liebt und der man sein Herz ausschütten konnte. Sie sagt, sie fühlt sich jetzt alleine ihr fehle das Lieben schon. Obwohl sie Freundinnen hat, aber es ist nicht das gleiche. Trotzdem sieht sie Hamburg auch als Neuanfang und so ist es einfacher. Wie aber in schwierigen, heimwehlastigen oder traurigen Momenten an einen frischen Neustart denken, wenn man sich das alte, das vertraute doch so sehr zurück wünscht? Es ist nicht leicht, aber viele durchleben das gleiche und so mancher hat es schon blendend überstanden. Nur an die einsame Anfangszeit denkt keiner zurück. Man sollte öfter rausgehen, sich die Schönheit der Stadt ins Bewusstsein rufen. Den Hafengeruch einatmen, die lauten U-Bahnen mit weit aufgerissenen Augen an sich vorbeirauschen und das Großstadtflair, was nicht zu verkennen ist, auf sich eintrommeln lassen. So bleibt man wach und erinnert sich an das Gute, wieso man es tut. Bald ist ja auch Weihnachten.
Bald ist man zu Hause, bei seiner Familie, seinen Freunden, seinen geliebten Leuten. Es wird nach Weihnachten riechen und auch die strikten Hasser werden sich wohlfühlen und es genießen, auch wenn sie es nicht zugeben. Man wird doch wieder netter zueinander. Und vielleicht, wenn es geklappt hat, vermisst man dann schon wieder sein Bett in der neuen, der noch lieblosen Heimat, vermisst die Schanze, den Bus, das Geheul der Sirenen oder das Moin am Abend. Das bedeutet noch nicht, dass man "angekommen" ist, aber es ist ein erster Schritt. Wird es sein. Ich glaube, der Mensch leidet viel, aber heimlich. Schwer ist es, auszusprechen, wo der Schuh drückt. Mehr Offenheit wäre wünschenswert, denn nur so merkt man, dass wir doch alle gleich sind und die gleichen Probleme haben. Je länger ich hier meine neuen Freundinnen habe, desto mehr erkenne ich, dass es ihnen genauso geht. Das darüber reden hilft ungemein. Es heilt nicht, aber es lindert.
Und schlecht ist es ja auch nicht. Wir leider alle gleich, wir studieren "Volkskunde". Kennen die abschätzigen Sprüche. Und doch haben wir alle irgendwie schon dieses Fach lieben und schätzen gelernt und sind froh, dass wir es für uns entdeckt haben. Ohne uns rechtfertigen zu müssen. Später ist später und jetzt ist jetzt. Soll es doch bergab gehen. Irgendwann kommt der Wendepunkt und wir sitzen immer noch da, in unserem Brieftaubenzuchtverein (wohl mein Hausarbeitsthema) und beobachten und analysieren die Menschen. Denn Menschlichkeit wird nicht vergehen und die Frage nach dem Sinn und Sein wird weiter existieren.
Menschen wie ich, die versuchen werden, darüber zu schreiben, über Menschen, wird es auch weiter geben. Und je mehr die Welt vergeldlicht wird, desto mehr wird die Frage nach Menschlichkeit aufkommen, nach ehrlichen Geschichten und Emotionen, die die Leute beim Lesen beruhigen und Geborgenheit spenden. Und wenn ich nur einer Person eine Erleichterung bieten konnte, weil sie sich in Texten oder Gedanken wiederfindet, dann ist das doch schon mehr als manche Menschen von der brotlosen, taxifahrenden Kunst des Schreibens spöttisch erwarten oder?
Man sollte sein Ziel nicht aus den Augen verlieren. Ich studiere nicht Volkskunde um Forscher zu werden und ich lebe nicht in Hamburg, weil ich keinen anderen Weg gefunden habe. Man wird sehen, was die nächsten Jahre alles passiert. Schön wäre, Menschen zu finden, denen man sich öffnen kann. Liebe vor allem, das allerwichtigste. Eine handvoll wahre, "Hamburg" Freunde, eine zweite Heimat und einen Ort, an dem man sich zu Hause fühlt. Ich weiß nicht, ob das in einer anonymen Großstadt möglich ist, aber ich werde es rausfinden, das ist sicher.
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