Freitag, 12. Dezember 2008

Pest oder Cholera?

Die Feuerzangenbowle - 
"Dieser Film ist ein Loblied auf die Schule, aber es ist möglich, daß die Schule es nicht merkt."

Gestern um halb zehn wurde sich also vor dem Audimax getroffen, um dem Zauber der alljährlichen Feuerzangenbowlenzeremonie zu erliegen. Es war, Verzeihung, arschkalt. Dicke Dampfwolken stießen aus den Mündern einiger hundert, bereits reichlich vorgeglühter, Studenten, die sich mit riesigen Weckern, Thermoskannen gefüllt mit dampfendem Glühwein, Wunderkerzen, Lebkuchen, Vanillekipferln und ganz wichtig: Taschenlampen eingedeckt hatten. Wir wussten von der Tradition, aber nicht im Detail und so hatten wir nichts mit - deckten uns aber mit sehr leckeren Glühwein vom Stand im Audimax ein. Gegen kurz vor 22 Uhr strömten die Leute von der 21 Uhr Vorstellung aus dem Hörsaal und wir strömten hinein. Es roch noch nach Abgebranntem. Nachdem alle irgendwo einen Platz gefunden hatten und ihren Berg von Mitbringsel vor sich aufgestellt hatten, folgte auf der riesigen Leinwand erst Werbung für Fleisch ist mein Gemüse - der Unifilm für nächsten Donnerstag. 
Neben mich setzte sich ein bereits äußerst besoffener Kommilitone und stellte auf dem Tisch vor sich erstmal zwei dicke, rote, brennende Kerzen. Sehr zum Missfallen von Franzi, die die möglich passierende Tragödie geradezu vor sich sah. Der Typ scheute sich dann auch nicht, ordentlich Körperkontakt mit mir aufzunehmen und flirtete was das Zeug hielt. Da sein Glühwein äußerst lecker roch, störte es mich jedoch eher wenig. Dann erschien das Titelmenü der Feuerzangenbowle und erster großer Juubel brandete auf. Erwähnt sei, dass einige feine männliche Studenten sich als Johannes Pfeiffer verkleidet hatten und stilecht mit langer Zigarette im Publikum saßen. Ein zweiter, wohl älterer Johannes Pfeiffer Verschnitt betrat die Bühne und heizte uns Publikumsleuten richtig ein. Wir mussten gröhlen, pfeifen und die Erstsemester mussten rufen, dass sie ihre Wunderkerzen vergessen hatten. Der beste und größte Wecker wurde gekührt. Dann kam der Weihnachtsmann und sein Weihnachtsengel auf die Bühne und warf unter großem Zuspruch Unmengen verpackter Lebkuchen ins Plenum.

Pfeiffer und Konsorten verließen die Bühne und der Film begann. Dass man zunächst mangels Tonqualität (Film ist von 1944) kaum etwas der großartigen Schauspieler verstehen konnte, tat der Stimmung keinen Abbruch. Bei jedem Zuprosten tat es das Plenum den Akteuren gleich und goß sich heißen Glühwein die Kehlen hinunter. Bei jedem Prost wurde es lauter und ausgelassener - Glühwein wirkt so wunderbar schnell und ist so erheizend...

Gottseidank kennen ja die meisten Studenten schon den Ablauf im Film und so wurden immer zum rechten Zeitpunkt alle Wecker gleichzeitig angeschaltet (ich muss nicht erwähnen, dass es ohrenbetäubend laut war), Taschenlampen auf die Leinwand gehalten und im letzten Akt die Wunderkerzen angezündet. Was übrigens, als ich mich so umsah, bei vielen Mädchen zu feuchten Augen führte. War ja irgendwie ein weihnachtlich schöner Moment (viele Pärchen knutschten dann auch promt rum - pfui). 
 

Gegen halb 12 war die Vorstellung beendet und rüber ging es zum WiWi Bunker (gestern habe ich geschrieben Audimax Party, das stimmte nicht, es fand im WiWi Bunker statt). Da kamen dann doch Heimatgefühle in mir auf. Irgendwie sah es genauso aus wie bei den Audimaxparties in der TU Braunschweig (es sieht wahrscheinlich an jeder Uni gleich aus. Havanna Club Strohhüte, knapp angezogene Weihnachtsbunnies, Jein von Fettes Brot und jede Menge Alkohol und schöne und weniger schicke Menschen). Außerdem ist ja heute Abend Abiparty in der Gebläsehalle, wo ich leider nicht teilnehmen kann, da ich nachher Besuch bekomme. Das erinnerte mich mit den Plastikbechern auch an die Zeit, wo man besoffen und seelig hinter der Theke stand und haufenweise Wodka Sprite und Co verteilte. Schönste Schulzeit! Franzi, Franzi und ich machten uns also sofort auf ins Getümmel und begannen wild und ausgelassen zu feiern. Jedoch war bald der Spaß vorbei als der DJ fragte: Wollt ihr House oder R´n´B? Und Franzi passend fragte: Wollt ihr Pest oder Cholera? Die Musik schlug in einen grauenhaften, untanzbaren Mix aus House, Techno, Trance und was weiß ich Scheiß um. Nur noch, ich möchte mal sagen, Informatiker, sprangen auf die Tanzfläche (mit irgendwelchen Mädchen, die sich zuckend und mit geschlossenen Augen ihren Trips ergaben). 

Diese Art von Beats versuchten wir uns erst mit Wodka und Rum Shots schönzusaufen. Klappte aber nicht und nachdem ich auch noch von zwei üblen Typen angeflirtet und angemacht wurde, reicht es mir. An dieser Stelle werfe ich kurz die Frage auf, ob es da draußen auch noch Männer gibt, die die hohe Kunst der verführenden Flirts beherrschen und es schaffen, mir ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern? Die Welt ist dünn besiedelt mit echten Charmeuren, das steht fest. 

Wir verließen das große Besäufnis enttäuscht um halb zwei. Franzi wollte dann zwar noch auf den Kiez in die China Lounge aber irgendwie war die Stimmung dahin. Franzi und Franzi fuhren dann direkt mit dem Nachtbus nach Neustadt und ich sollte noch weitere 30 Minuten auf meinen Nachtbus warten. Aber nicht mit mir! Ich ging zu Fuß. All the way.

Erst war es ziemlich ungemütlich, weil es zu nieseln begann und meine Haare allmählich durchnässten. Und ich sag mal so, es gibt sicherere Aktivitäten als nachts durch Hamburgs verlassene Straßen zu laufen. Aber irgendwann machte es mir Spaß. Es wurde zum Spiel. Ich lief (laufen im Sinne von joggen) von einer zu nächsten Bushalte und guckte jedes Mal, wie viele Minuten übrig waren. Da joggte ich also vom Grindelviertel bis nach Lokstedt und mir kamen nur Taxis entgegen. Die Stadt war wirklich verlassen. Aber irgendwie war es cool und als ich zu Hause ankam, war ich bereits wieder ernüchtert und frisch und ging mit zittrigen, erschöpften Knien ins Bett und ratzte bis heute Mittag. Schön ist die Weihnachtszeit!

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