"Konflikte, die wir übers Jahr hinweg halbwegs ignorieren können, bekommen zum großen Fest eine erschreckende Anschaulichkeit."
2010 geht zu Ende, wieder mal. Also nicht wieder mal 2010, sondern schon wieder 365 Tage, zusammen gefasst als ein Jahr, von Januar bis Dezember, vier Jahreszeiten inbegriffen. Soweit die Fakten. Vielmehr sind es aber für den einzelnen Menschen die Erlebnisse über das Jahr verteilt, die ihn entweder lächelnd oder gar schniefend an einem, ja, dem bestimmten Punkt am Silvesterabend kurzzeitig in eine Art Melancholiestarre verfallen lassen. Ob man nun Silvester mag oder nicht, diesen schwelgenden Rückblicksmoment hat jeder und meist fällt er doch, leider muss man sagen, eher nachdenklich trübe als lächelnd glücklich aus (hängt aber auch mit dem Alkohol- und damit mit dem Melancholiepegel stark zusammen). Erstmal wohl deswegen, weil man seine Vorsätze für das kommende und nun vergangene Jahr wieder nicht umgesetzt und eingehalten hat. Das ist ein elender Moment: Selbstschamerfüllt. War ich wieder so faul wie immer? Meine Zeit mehr in der Wohnung verhockt als rausgegangen und das Leben mit Freunden genießen? Wieder nicht den Urlaub gebucht, den ich mir so lange vorgenommen habe? Nicht gesünder oder bewusster gelebt? Nicht aufgehört zu rauchen? Nicht immer ehrlich zu anderen, zu mir selbst gewesen? Nicht mit zwei Fingern pfeifen können? Immer noch zeigt die Waage konstant fünf Wohlfühlkilo zu viel an?
Ja, das kann schmerzen, nicht wahr? Selbst Schuld, man bürdet sich ja eh zu viel auf. Ich für meinen Teil kann sagen, dass ich angefangen habe, wohl weil ich ein Listenfan bin, mir eine Liste an einem ruhigen, ja vielleicht auch schon besoffenen, Moment zu machen von Dingen, die ich im folgenden Jahr erledigen, erleben, verändern, fühlen oder wie auch immer möchte. Und ich kann sagen, dass bis auf einen einzigen Punkt, ich alle Punkte abgehakt habe und das waren nicht wenige, denn ich verlange sehr viel von mir und meinem Leben, meist kann ich es nicht einhalten, aber dieses Mal irgendwie schon und das ist irgendwie ziemlich großartig! Andererseits nagt es ja schon an mir, dass wieder ein Jahr vergangen ist, indem ich nicht die Liebe halten konnte und das Erlebte mit jemandem teilen kann, so ganz romantisch am Jahresende (und hallo? Der obligatorische Kuss um null Uhr? Muss wohl wieder Selda ran). Aber gut, Liebe kann man sich wohl nicht auf die Bucket List setzen. Wenn es etwas gibt, was man nicht beeinflussen kann, dann wohl seinen Hormonhaushalt, der für Gefühle sorgt oder eben, meistens, nicht. Aber an allem anderen kann man ja arbeiten und Freitag wird wieder in jenem Augenblick diese Liste geschrieben und sie wird wohl auch wieder eingehalten werden.
Also, um die Frage mir fünf Tage vorauszunehmen: Wie war mein Jahr 2010? Es gab Höhen und Tiefen (Überraschung), aber die Höhen überwogen ganz klar (zweite Überraschung). Ich hätte letztes Jahr nicht gedacht, dass 2010 so ereignis- und erlebnisreich wird, doch das war es und ich hatte viele schöne Momente. Ich bin für meine bescheidenen Verhältnisse ziemlich viel Herumgekommen. Von Berlin und London bis Mallorca und New York (meine vier größeren Touren dieses Jahr) waren kleinere Reisen, um Freunde zu besuchen, auch mit vielen schönen Augenblicken verbunden. Für nächstes Jahr würde ich mir eine große Tour wünschen. Wohin es gehen soll, weiß ich noch nicht, aber so grobe Pläne sind im Kopf bereits vorhanden.
In meinem zweiten Jahr in Hamburg ist viel passiert. So viel, dass es den Rahmen und wohl auch die Intimsphäre sprengen würde, dies hier alles auszubreiten. Die Liebe zu der Stadt wurde jedenfalls bestätigt und noch tiefer verwurzelt, sodass es mir schwer fällt, vielleicht in ein zwei Jahren woanders hinziehen zu müssen. Man weiß ja nie, was passiert.
Hamburg ist einfach so schön, dass die Stadt eigentlich einen eigenen Eintrag verdient hätte. Aber wer sie besucht, das Wasser hört und riecht, die Möwen sieht und die Leute schnacken hört, der fühlt sich zuhause.
So ist es an jedem selbst, sich jenen Moment in fünf Tagen zu suchen und in sich zu kehren: Habe ich so gelebt, wie ich es möchte? Bin ich glücklich? Was macht Glück für mich aus, und wenn ich unzufrieden bin, wie kann ich es ändern? Wer stand mir zur Seite, wer nicht? Enttäuschungen? Überraschungen? Liebe? Hass? Verzweiflung? Das sind so Dinge, die einem immer wieder an diesem Tag durch den Kopf schwirren und nur weil irgendjemand bestimmt hat, dass das Jahr nach 365 Tagen immer wieder mit einem Knall endet und uns die Gesellschaft dazu bestimmt hat, dass wir versuchen, immer wieder aufs Neue das neue Jahr besser als das alte zu gestalten, um unser Glück zu finden und ein besserer Mensch zu werden. Eigentlich eine schöne Sache.
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