Die Feuerzangenbowle als Film wie auch als Getränk ist ein Genuss, das steht wohl außer Frage. Als Klassiker in universitären Audimaxis (meine selbst erfundene Mehrzahl, ob der Tatsache, dass ich kein Latein spreche) wird ihm alljährlich kurz vor den Weihnachtsferien mit viel Klimbim und meist Glühwein (ist billiger) gefrönt. Meine türkische Mitbewohnerin hat bisher leider weder die Feuerzangenbowle geschaut noch getrunken und so war es dieses Jahr an der Zeit, sie in den Ritus einzuführen, wie ich befand.
Was eigentlich als Flippis Geburtstagsgeschenk angedacht war, endete bei einem denkwürdigen Videoabend mit besagter Mitbewohnerin und mir alleine, denn Flitsche musste zu einer bereits vergessenen Weihnachtsfeier - schade. Nun denn, der Hamburger Audimax war nicht genug. Oder besser: wir hatten auch keine Zeit, denn meine Insitutsweihnachtsfeier fiel mit dem Universitätsfilmabend zusammen und Zelt musste im Restaurant schuften. Gut so gewesen, im Nachhinein.
Ich entschied mich also für das flexible Flimmern, was hier in Hamburg oft bis regelmäßig angeboten wird und ein fantastisches Konzept darstellt: Filme in ihrem Kontext als Erlebnisfilmabend anzubieten. Bis jetzt hatte ich nie geschafft, jemanden für diese Abende zu begeistern, was ziemlich schade ist. Flimmern meint beispielsweise, einen alten Hamburger Hafenkrimi im abgesperrten Alten Elbtunnel auf Leinwand zu zeigen. Dazu wird Bier und Labskaus gereicht. Oder vergangene Woche Das Bildnis des Dorian Grey zum Weltaids-Tag in Schloss Reinbek mit Hummer und Champagner. Hat was!
Jedenfalls fand gestern das Flimmern im Schulmuseum auf Pauli in der Seilerstraße statt.
Zelt wusste überhaupt nicht, was auf sie zukommt, denn sie kannte weder die Feuerzangenbowle, wie schon gesagt, noch das F. Flimmern.
Als wir das Schulmuseum betraten, um unsere reservierten Karten abzuholen, begrüßte uns der Flimmern-Mann persönlich, übergab uns "Esskreide", die wir auch gleich mit Genuss vertilgten und wurden in den ersten Stock geführt. Dort angekommen, wurden wir angewiesen, jeweils eine Schürze umzubinden und ein Namensschild umzumachen (alte deutsche Namen). Sodann mussten wir in den nebenliegenden historischen Klassenraum, wo auf Sitzpritschen bereits die anderen Teilnehmer mit Schürze und Namensschild bekleidet, auf den Bänken hockten und gespannt zur Tafel schauten, wo der Lehrer mit dem Rohrstock bedrohlich stand: Eine historische Schulstunde zur Kaiserzeit stand uns bevor.
Wir mussten alte Volksweisen singen, Merksätze aufsagen, gerade sitzen, Hände falten, mit dem Griffel das altdeutsche "i" schreiben und dem lieben Herrn Kaiser Wilhelm II. huldigen.
Die älteren Teilnehmer freuten sich diebisch, seltsam anmutend, waren sie doch selbst noch nicht geboren, als der Unterricht so ablief (wir reden hier von 120 Jahren, also anno knips).
Nach der Schulstunde gaben wir unsere Schiefertafeln und Griffel ab, entledigten uns unserer Schuluniform und betraten die Schulaula, die ganz nach meinem Geschmack in schummeriges Kerzenlicht getaucht war. Es roch nach Feuerzangenbowle (gab es ja auch) und Honigkuchen.
Bei zwei oder drei Bechern dieses köstlichen Getränks und lecker belegten Pausenbroten mit Tete de Moines, Feigensenf und Rote Beete Sprossen, warteten wir gespannt auf den Beginn des Films.
Um 21 Uhr summte das letzte Weihnachtslied aus den Boxen und der elegante Heinz Rühmann sinierte mit seinen Dichterkollegen über den Einfall, die Schulbank noch einmal zu drücken.
Der Rest ist bekannt.
Fazit: Ein rundum gelungener Abend, ein Zelt, was wirklich gefallen an deutschem Honigkuchen und Feuerzangenbowle in jeglichem Sinnzusammenhang gefunden hat und eine glückliche Lisa, die sich rundum wohlfühlt im Kulturkreis der besten Stadt in Deutschlands Norden. Flimmern sollte ich öfters machen, und hoffentlich nicht allein.
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