Der Münsteraner an sich: jung, gutaussehend, dynamisch auf seinem Fahrrad - Pardon, Leeze unterwegs. Donnerstag 12 Uhr 40. Der IC Richtung Stuttgart bringt mich via Bremen und Osnabrück ins nordrhein-westfälische Münsterland zu Anja aus Mitteldorf - Pardon, Waltrop. Vor uns standen vier Tage voller Fleischeslust, Feier- und Schnackerei. Ich musste jedoch vorher versprechen, nicht ohne Männergeschichten nach Hause zu kommen. Was ja eigentlich, so glaubt man den Legenden über Münster, gar kein Problem darstellen sollte, da es ja junge Leute wie Sand am Strand gibt.
Ich kam da also um kurz nach drei (also eigentlich um genau eine Minuten nach drei) am Bahnhof an, der war erstmal ziemlich hässlich. Man muss es so sagen. Nicht so hässlich wie der Nürnberger Bahnhof, der ist wirklich eine Zumutung für so eine große Stadt, aber auch nicht gerade sportlich-elegant. Es regnete. Wie es auch die nächsten vier Tage dauernd tun würde. Anja empfing mich und lud mich ein, mit ihr zu Fuß in die Hammer Straße zu kommen, vorbei am Ludgeri Platz, vorbei an dreitausend Kirchen. Es ist nämlich so, wenn es in Münster nicht regnet, dann läuten die Glocken. Von Dom bis Lamberti Kirche. Dingdong. Wie man sieht, ich kam nicht umher, einiges über die jovelige Stadt zu lernen. Anja als schnieke Stadtführerin macht sich ganz gut, wenn sie jedes Mal beim Vorbeigehen am Rathaus anmerkt, dass dort der Westfälische Frieden geschlossen wurde - du kriegst die Tür nicht zu!

Nachdem ihre Wohnung besichtigt war (es ging schnell, ist nur ein Zimmer) und wir uns aufs Bett gefläzt hatten, rafften wir uns doch noch auf, um im Regen durch die Stadt ein wenig zu marschieren. Vorbei an der Uni, vorbei am Schloss, am Dom und in den Dom kurz rein hin zum Mocca D'or DEM Pizzahotspot Münsters, wie ich mir habe sagen lassen. Ein großer, jedoch gemütlicher, lauter Laden. Die Pizza hat wirklich gut gemundet, war riesig und knusprig und wurde mit einem halben Liter Krefelder heruntergespült. Die Frage, die sich mir bis dahin stellte, war jedoch: Wo waren denn nun die heißen Münsteraner Studenten? Bis jetzt hatte ich nichts weltbewegendes gesehen und war ein wenig enttäuscht, dachte ich doch, ich sei im Männerparadies gelandet.
Goebenstraße - ein Stückchen Heimat im Westen Deutschlands.
Vollgefressen wie wir waren, ging es wieder zu Anja, wir machten uns fertig und fuhren mit dem Bus ans andere Ende der Stadt (was nicht weit ist), um bei einer Freundin von Anja ein wenig den Abend ausklingen zu lassen. Nun ist es in Münster so, dass es mehr Fahrräder als Menschen gibt. Und Fahrräder haben offenbar einen höheren Stellenwert als Menschen (!), da ein Student mit seinem Busticket Freund ODER Fahrrad kostenlos mitnehmen kann. Freund ODER Fahrrad, man ziehe es sich kurz rein. Das schmeckt mir nicht. Im End Effekt konnte ich Madame aber doch noch um Gnade bitten und wurde anstelle ihres pinken Hollandrades mitgenommen - die Leeze kostete uns 1,10 Euro extra. Frechheit.
Bei Julia (blonde Volkskunde und Deutsch Studentin mit Berufsziel Journalistin und einer 18-jährigen Schwester) genossen wir das ein oder andere Bierchen und zogen ordentlich über das Studium her. Wie es ja nun einmal so ist. Der Plan war dann, eins von zwei Fahrrädern von Julia für mich zu leihen und so am Wochenende die Chance auf nette Cruising Touren zu gewährleisten. Leider war der Reifen kaputt und mein Traum zerplatzte wie Schaum.

Und in Münster ist es nämlich auch so, dass die so genannten NACHTbusse unter der Woche von 21 bis 23 Uhr fahren. Schnauf, schnauf, schnauf. Wat bin ich verwöhnt hier in Hamburch, du! Also konnten wir um kurz nach zwei nicht anders wieder zum anderen Teil der Stadt gelangen als dass ich neben Anja herjoggte und irgendwann ins gehen verfiel.

Am nächsten Morgen, also um 14 Uhr, warfen wir uns die sportlichen Klamotten über, um dann um den Aasee zu laufen. Also Anja lief und ich radelte neben ihr her. Ich hab mich gefühlt wie ein kleines Häschen auf einem Giraffenrad. Es war nämlich viel zu groß und so muss es für den entfernten Betrachter so ausgesehen haben als führe ich zum ersten Mal.
Am Abend dann das große und mit 30 Euro unverschämt teure Event des Monats: Deichkind Konzert. Nun stehe ich mit Deichkind nicht auf Kriegsfuß, aber ich würde mich auch nicht zu den Groupies der dicken Jungs aus Hamburch zählen. Wie dem auch sei. Ich war offen für Neues und schwärmte natürlich auch für die alten Hits wie Bon Voyage und Limit (Bin ich schon am Limit - P O W zum E zum R). Mir wurde vorher versprochen, dass es eine Show der Superlative werden würde und man nicht zum Deichkind Konzert, sondern zum Event gehe. OK, OK. Nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, meine Lieben.
Wir ließen uns Zeit und waren viertel vor acht an der Münsterländer Halle, um acht ging die Show los. Die Hälfte der Menschen war bis aufs Äußerste verkleidet (so wie Dennis auf dem Bild unten) und die andere Hälfte waren Bahnhofsatzen, Elektromäuschen oder 14. So würde ich das Publikum mal beschreiben. Wir standen im vorderen Viertel und pünktlich um acht (lautes Kreischen seitens des Publikums) wurde eine weiße Leinwand heruntergefahren und ein surrealer Film mit klassischer Musik gemixt, zeigte verkleidete Menschen, wie sie tierähnlich durch eine karge Landschaft sprangen und letztlich in einen See liefen, auf dem eine große leuchtende Pyramide stand. Klingt komisch, war auch so und ist sicher unter chemischen Drogen entstanden und kommt unter Einnahme auch sicher anders zur Geltung, möcht ich meinen.

Der Vorhang fiel und der Blick auf eine Bühne wurde frei, die an "I Wear my Sunglasses at night" Videos von früher erinnerte. Riesige Trampoline standen da im Neonlicht, ein große Treppe führte mittig nach oben auf ein Tor zu, in der eine Skeletfigur, auch mit leuchtenden Farben ausgestattet, stand und auf Krücken tanzte. Die Jungs von Deichkind kamen in futuristischen Anzügen auf die Bühne und trugen auf dem Kopf Bedeckungen wie im obrigen Bild Dennis, natürlich in cool, denn sie leuchtetet im Takt der Musik. Die Menge ist völlig ausgerastet als die Zitze zum Einsatz kam, also ein riesiges Schlauchsystem, was uns mit Schnaps bespritzt hat und danach mit einem Schlauchboot über die Köpfe schwebend die Meute mit weißen Federn bedarf. Die Zugabe endete dann unter Krawall und Remmidemmi mit dem alten Bon Voyage Kalauer. Zwei Stunden durchgesprungen und Fremdschweiß aufgenommen.
Danach sind wir mit allen Münsterbuddies wieder zu Anja und haben heillos weiter getrunken bis tief in die Nacht und bis die alle zum Cuba Nova weiter gezogen sind - wieder keine heißen Traumboys für mich. Ich musste schlafen.
Lange, lange haben wir wieder geschlafen und wieder hat mich der sanfte Regen geweckt, der auf das schräge Dachfenster prasselte. Wir flätzten uns hin und her, aßen königlich Toast und Ei zum Frühstück. Ja, Ei. Ich habe Ei gegessen, nach 15 Jahren Abstinenz, weil ich einfach so ein Gefühl hatte, dass es an der Zeit war. Ich habe es aufgeschnitten und auf einem Toast mit Butter gegessen. Aber das Gelbe war hart. Ich glaube, mit flüssig wäre es cooler gewesen. Jedenfalls konnte ich es gut essen ohne danach mit der Keramikschüssel zu telefonieren und später werde ich das ganz bestimmt bei unseren Familienfrühstücken auch immer essen. Wenn die Sonne scheint auf der Terasse.

Während ich in den Genuss einer heißen Dusche kam und meinen Körper mit erlesenen Body Shop Produkten peelen durfte - er ist zart wie ein Babypopo nun - lief Anja rüber zu Rewe und besorgte alles für Mürbeteig. Wir wollten Kekse backen. Wir buken und verzierten und das letzte Blech verbrannte grandios und unter Mief und Qualm in ihrem sogenannten Tischofen. Anja hat nämlich so ein geiles Teil für Singlehaushalte, wenn man keinen Ofen hat. So einen Tischgrill, mit dem man angeblich auch backen kann. Naja, naja, Anja. Wenn man damit klar kommt, dass die Kekse in der Mitte zur Hälfte noch roh sind... ok! Aber ich bin ja auch eine verwöhnte Ofengöre, die sogar Olivenöl zu Hause hat. Sowas übertriebenes!
Abends endlich dann diese eine Straße, wo man in Münster wohl gehäuft weggeht. Der Kiez sozusagen. Und endlich habe ich meine Männer kennen gelernt. Es war sehr schön und lustig und Monsieur kommt wohl auch bald nach Hamburg, vielleicht trifft man sich dann hier. Olé. Vom Arbeiten Sonntag möchte ich jetzt nicht reden, dann raste ich aus.
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