Freitag, 24. April 2009

En roulant ma Boule

Dass ich ein stadtbekannter Trottel bin, ist wohl nach zahlreichen, diesbezüglichen Posts hier allgemein klar. Aber neulich habe ich es definitiv übertrieben. Mein Leben wie es nicht sein sollte: ein brilliantes Stück chaotisches Chaos. 

Seit nun mehr drei Wochen warte ich mehr oder minder verzweifelt auf meine Semesterunterlagen - schwarz fahren im Bus, mein neuestes Lieblingshobby. Wozu bezahle ich knapp 250 Euro als eine der ersten dieses Semester? Um dann als einzige aus meinen Bekanntenkreis (und deren Bekanntenkreisen und deren..usw) noch KEIN verficktes Semesterticket bekommen zu haben. Ich bin auf 180. Natürlich war ich bereits beim zuständigen Amt. Und was soll ich sagen? Von acht verheißungsvollen Beratungstüren ist seit Semesterbeginn nur eine geöffnet. Schlangen von über 100 frustrierten Studenten stellen sich jedes Mal (Beratungszeit zwei Stunden) davor und warten stundenlang. Dafür hatte ich bis jetzt keine Zeit. Nächste Woche mache ich aber der armen Verwaltungsfachangestellten die Hölle heiß. Nicht lustig.

Bekam als Samstag durch Vattern endlich mein Fahrrad in die Siebenschön geschifft mit teurem Fahrradschloss, welches ich zum Geburtstag bekommen habe (ist wie Socken, aber man freut sich trotzdem, weil zweckmäßig). Endlich konnte meinem müden Arsch eine Wohltat durch bikige Trittbewegungen getan werden und so radelte ich, quasi übermotiviert, am Montag zur Arbeit. Ja, es war ein Wagnis, ich haderte zunächst mit mir und meinem nichtvorhandenn Orientierungssinn, nahm es dann aber doch auf mich - wer nicht probiert, der nicht studiert oder so. Also suchte ich mir bei google Maps die Strecke raus. Und das ist dort nämlich gut, als neues Feature kann man da anstelle des Autoweges nun auf Fußgänger einstellen und bekommt eine andere Strecke. 8,6 Kilometer laut Internet. Aber nicht mal schnell links, mal rechts und Ankunft. Nein, nein. Ich musste schon eine Din A4 Seite chlorgebleichtes Papier mit Wegbeschreibung aufschreiben. Demnach kam ich von Eppendorf, Winterhude, Barmbek Nord sowie Süd über Dulsberg schließlich nach Wandsbek. Den bereits vor Beginn der Fahrt zerknüddelten Zettel (meine einzige Überlebenschance, um hier mal die Dramatik zu steigern) in der rechten, die Klingel am Anschlag in der linken Hand, machte ich mich gegen viertel nach neun auf den Weg zum Staatsarchiv. 

Endlich wusste ich, wo sich die Geschwister-Scholl-Straße befand, fuhr ich nämlich durch. Als bereifter Verkehrsteilnehmer ist es in der Stadt nochmal ganz anders. Wie bei den Motorradfahrern, deren Ehrenkodex es bedingt, sich zu grüßen, ist es ähnlich bei den (Fahrrad)Bikern. Ich fühlte mich wie ein Teil einer sportlich, naturbewussten Gruppe. Spaß an Frischluft und Bewegung entzündete in mir eine neue Energie und ein anderes Lebensgefühl (ich übertreibe). Wie schön ist Hamburg? Danke jeden Tag irgendwem, dass ich hier leben darf, jeden Tag raus, am Wasser sitzen und träumen kann. Zurück zur Tour de France. Nachdem ich schon in Winterhude (oh wie nobel, mir fehlen die Worte..wunderbar) angekommen und mich bis dahin glänzend geschlagen hatte, machte ich mir ein wenig Sorgen, weil ich seit geraumer Zeit auf dem Wiesendamm unterwegs war ohne die Hufnerstraße zu sehen. So fragte ich einen Fußgänger, der mir vorschlug, einfach jetzt rechts abzubiegen und für drei Kilometer auf jener Straße zu bleiben, bis ich auf die Wandsbeker Chaussee käme. Also hörte ich auf den charmanten Mann und steckte meinen zerknüllten Papierfetzen Wegbeschreibung in die Bauchtasche meines Inpeddo Hoodies, jo. 

Auf dem Weg traf ich einen Postboten; der musste es ja genau wissen. Genau wie ich waren seine Ohren durch Musikohrstöpsel verstöpselt und wir ploppten beide jeweils einen raus, um uns zu hören. Er lächelte mich freundlich an, als ich ihm nach dem Wandsbeker Markt fragte und nachdem er mir eine idiotensicherer (wirklich) Wegbeschreibung zuteil(-)kommen(-)ließ, verabschiedete er sich mit den Worten: Einen schönen Tag und weiterhin fröhliches Musikhören wünsche ich. Oh wunderbare Welt des Fahrradfahrens. Ich war beschwingt. Es macht mir Spaß. Aber das beste kommt noch: Nach der Arbeit hatte ich noch ein Seminar in der Uni: weitere 6,4 Kilometer von mir noch unbefahrene Idylle standen mir bevor. Und was soll ich sagen? Gibt es einen besseren Weg als von der Kattunbleiche zur Edmund-Siemers-Allee? Wohl kaum, meine Lieben, wohl kaum. Diese Stadt ist so schön, das verliebte Herz wird mir ganz leicht und warm. Der gesamte Weg führte mich entlang eines Kanals, auf dem Wasserhäuser standen (werde ich bald mal fotografieren, unglaublich schön) und an der Außenalster lang. Ich frage mich, wieso ich nicht schon viel früher mal auf der Uhlenhorst an der Alster gesessen habe. Du kriegst die Tür nicht zu! Zahlreiche, wunderbare Bars direkt am Wasser und auf Stegen, weiße, in der Sonne schimmernde Segelboote, Kanus, Ruderboote, Menschen die am Ufer grillten oder sich im Bikini sonnten. Etliche für den am Sonntag stattfindenden Marathon trainierende Jünglinge und Fahrradfahrer (wie mich). Zudem untermalte herrlich chillige Musik meine Tour und gipfelte darin, dass ich, als ich über die ESA W Wiese fuhr, en roulant ma boule von Hannes Wader hörend, an alten Männern vorbei fuhr, die Boule spielten. Das Leben ist manchmal so schön un pittoresque, dass man sich das Lächeln nicht verkneifen kann! Nachdem ich anschließend noch zu BlondeFranzi nach Neustadt geradelt war, um Pizza zu essen und Erdbeersekt mit Früchten zu trinken. Auch das waren nochmal rund 3 Kilometer. Also wie ich fand eine ordentliche Strecke für mein erstes Mal. 

Aber wie alles schöne im Leben gab es auch da wieder einen Wendepunkt in der Geschichte. Nur einen Tag später begann das grande Malheur. Ich fuhr mit dem Rad zur Uni. Alles noch gut (bis auf das nicht-Semesterticket). Zuhause angekommen, bemerkte ich, dass ich tatsächlich mein Fahrradschloss verloren hatte. Wie schlecht kann es laufen nach zwei Tagen Nutzung? Mein Blut kochte innerlich schon langsam hoch. Aber ich hatte kaum Zeit mich richtig zu ärgern, da ich zum Frauenarzt musste, um mich impfen zu lassen. Nun ist ja Frauenarzt eh kein schönes Erlebnis und ich machte mich wütenden Schrittes auf zum Siemersplatz. Schnell zog ich 20 Euro aus dem Haspa Automaten und rannte nebenan zum Arzt, da ich spät dran war. Als die nette Sprechstundenhilfe nach den Quartalszehneuro fragte, öffnete ich mein Portmonaie und bemerkte, dass ich das Geld tatsächlich im Automaten vergessen hatte. Mit einem gehetzten: Oh Gott, ich bin sofort wieder da! Rannte ich wieder runter zum Automaten - das Geld war natürlich weg. Blutpochhoch. Runterschlucken und erneut 20 Euro abheben, mitnehmen und bezahlen. Ach, sie spritzen Cerverix? Nun, den haben wir nicht da, da ruf ich gleich bei der Apotheke an und bestelle es ihnen, sie können es dann Freitag morgen abholen und zum spritzen kommen.

Ich rasssstete fast aus. Wütend holte ich mein Handy raus, um meinen Frust bei einer Kommilitonin abzulassen: Kein Netzzugang. WOLLTE MICH DIE WELT VERARSCHEN (zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nichts von dem eklatanten T-Mobile Desaster. Zu Hause wieder angekommen, konnte ich praktisch nur noch meinen Unmut in einer Flasche Rosé ertränken und hörte bis spät in die Nacht frustrierende Musik.

Heute also Freitag. Gestern, also Donnerstag, sind meine Mitbewohnerin Zelt und ich zum Spocht gegangen das erste Mal. Konditionstraining bei Andrea: Holla die Waldfee. Den Geruch von schweißgetränkten Gymnastikhalln habe ich doch recht vermisst und effektiv war es auch. Das werden wir beibehalten. Freitag: Ich stand um sieben (!) auf, ging zur Apotheke und wollte den Impfstoff abholen. Haben sie denn das Rezept auch mit? Natürlich nicht, meine Dame, denn mein Leben ist zur Zeit ein brilliantes Stück Dreck und ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht. Netterweise gab sie mir den Impfstoff auch ihne Rezept und ich versprach, es am Abend nach der Uni vorbeizubringen. Zum Frauenarzt gehechtet, gab ich den Impfstoff ab und wartete im Behandlungszimmer auf meine Spritze. Mit den Worten: Gefrühstückt haben Sie ja, ne? Musste ich auch diese Frage mit einem Stöhnen verneinen (bei dem Arzt müssen sie denken, ich sei völlig bescheuert). Schnell schob ich mir eine furztrockene Reiswaffel in den Mund und die Dame spritzte mir das Zeug in den linken Oberarm. Ich sollte noch eine Viertelstunde sitzen bleiben, da die letzte Patientin krampfend in Ohnmacht gefallen war nachdem sie die Spritze erhalten hatte. Na Prost Mahlzeit. So wartete ich drei Minuten und hechtete dann zum Bus, fing doch mein Filmseminar in fünf Minuten an. Leicht schwummerig war mir schon, draufgeschissen.

Nach dem Regen folgt Sonne. Ich kaufte ein Fahrradschloss, montierte es unter höchst fachwerklichen Wissen an meinem Rad und fuhr zur Apotheke, um das Rezept abzugeben. Erledigt. Auf dem Rückweg hielt ich bei der Haspa an. Das Geld wurde auf mein Konto zurück gebucht. Erledigt. Und ich habe für Pfingsten ein Haus für 19 Leute gebucht. ERLEDIGT

1 Kommentar:

JL hat gesagt…

Fehlt nur noch das Semesterticket.