Man kann wirklich sagen, dass ich meine Familie gefunden habe und mich in dem Gedanken verbissen habe, mit den Millers mein Jahr zu verbringen. Ich war damals ziemlich frustriert, weil Anna-Lena und Larissa jeweils immer irgendeine Familie in ihrem Account hatten und ich nie etwas von der Agentur gehoert habe. Anna-Lena hat mir den Tipp gegeben, sich bei greataupair.com anzumelden, da man da nach Familien suchen konnte und so schon mal fuer den "Ernstfall" ueben koenne. Irgendwie bin ich beim Suchen auf die Seite meiner Gastfamilie gestossen und fand das Foto gleich sympathisch und ihr kurzer Brief klang auch sehr nett (keine Haushaltspflichten - wie gemacht fuer mich faule Sau). Ausserdem hatten sie nur ein Kind, das auch noch niedlich war. Deswegen habe ich sie in meine "Hotlist" aufgenommen und sie mich dann auch in ihre - so konnten wir uns gegenseitig E-Mails schreiben, was wir auch getan haben. Lisa war mir gleich super sympathisch (ist sie immer noch) und ausserdem hatte sie den Namensbonus. Je laenger wir Infos austauschten, desto mehr habe ich mich verliebt. Das groesste Plus war zudem, dass sie nur 40 Minuten von New York City entfernt wohnten - der Stadt, von der ich immer getraeumt habe ("ich will einmal in meinem Leben am Times Square stehen").
Alles gut, alles perfekt - zu perfekt wuerden jetzt wieder die Pessimisten sagen, aber wenn man verliebt ist, sie man ja schliesslich alles durch die rosa Brille, nicht wahr? Das Problem war naemlich, dass Lisa sich noch gar nicht entschieden hatte, ob sie ein Au Pair oder eine Nanny oder einen Babysitter haben wollte und dementsprechend nicht einmal bei einer Agentur angemeldet war. Aber Lisa Bertram, geborene Bock, hatte Blut geleckt, und dann laesst sie sich nicht mehr von ihrem Gedanken abbringen.
Man muss dazu sagen, dass Nannies meist etwas aelter als Au Pairs sind und aus dem eigenen Land kommen, sie verdienen aber rund 600 Dollars in der Woche und sind somit vier Mal so teuer wie ein Au Pair. Ich habe dann (offensichtlich) aber gute Ueberzeugungsarbeit geleistet und letztendlich haben sich die beiden bei Cultural Care angemeldet. Zu dem Zeitpunkt hatte ich aber eine Familie in meinem Account und so konnten sie meine Bewerbung nicht einsehen. Als ich die Familie aus meinem Account hab schmeissen lassen (ich wollte ja keine andere mehr), wurde eine neue Familie am gleichen Tag reingesetzt, nur leider nicht meine. Also wieder angerufen, um die Familie heraus nehmen zu lassen. Endlich war meine Traumfamilie in meinem Account - und nach zwei Stunden auch schon wieder weg - weil sie zwei Katzen haben und ich angegeben hatte, dass ich eine Familie ohne Haustier haben moechte. Bis dahin hatten Lisa und ich noch nicht ein einziges Mal telefoniert und ich war langsam ziemlich frustriert, habe aber nicht aufgegeben. Wieder bei Cultural Care angerufen und gesagt, dass sich das Haustier ausschliesslich auf Hunde bezoege und ich kein Problem mit den zwei Katzen habe. Gut, nun denn wurde meine Familie wieder in meinen Account geschleust, um einen Tag spaeter wieder herausgenommen zu werden. Bevor ich das bemerkt habe, hat mich aber eine Frau aus Boston angerufen und gesagt, dass die Familie noch ein Kind adoptieren wolle, dies mit grosser Wahrscheinlichkeit unter zwei Jahre sein wird und ich laut meiner Kinderaufpassstunden nicht fuer Kinder unter zwei Jahren sorgen duerfe. Ich koenne also das Match mit der Familie eingehen, aber mit dem grossen Risiko, dass ich die Familie verlassen muesse, sobald das zweite Kind da sei - selbst wenn es erst nach zehn Monaten passiere. Danach habe ich noch einen Anruf aus Berlin bekommen, der mir das gleiche erzaehlte und dann habe ich noch mit Lisa telefoniert und diskutiert. Alle waren sich einig, dass die Entscheidung bei mir laege. Meine Eltern (die echten) auesserten schon langsam Zweifel, ob das wirklich die richtige Familie sei, wenn es jetzt schon vor dem Jahr nur Probleme gaebe. Aber ich war nicht davon abzubringen (Eigenschaften: stur, dickkoepfig, eigenwillig;).
Ich bin das Risiko eingegangen und habe noch ein bisschen in die Trickkiste gegriffen, um sicher zu gehen, dass ich die Familie nicht ploetzlich nach zehn Monaten verlassen muesste.
Ich hatte noch knapp zwei Monate, um mit der Familie zu telefonieren und zu schreiben. Und mein Gefuehl festigte sich immer mehr, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Das spielte auch eine grosse Rolle, wieso ich kein bisschen aengstlich war, als es am 6. August auf den Weg nach New York City ging. Pure Vorfreude. Am 10. August, als ich das erste Mal die 'echten' Millers treffen konnte, war ich so unglaublich aufgeregt wie Geburtstag, Weihnachten, erster Kuss und erste Abiklausur zusammen. Man kann das Gefuehl gar nicht beschreiben. Es ist fast so als trifft man jemanden unglaublich wichtiges, eine grosse Persoenlichkeit oder einen Prominenten, den man sonst nur aus den Medien kennt - ich kannte sie ja nur von Nachrichten, Fotos und Telefonaten und man denkt, man ist mit der Person vertraut, bis man sie dann trifft (hab mich auch lautstark gefreut und alle in den Arm genommen und auf der Rueckfahrt ohne Pause geredet). Der erste Abend war natuerlich fuerchterlich. Nachdem wir in einem Diner essen waren und sie mir unsere Mall im Ort gezeigt haben, ging es nach Hause, TJ wurde ins Bett gebracht und wir sassen zu dritt auf dem Sofa. Ich hatte so Durst, aber ich habe mich nicht einmal getraut, mir ein Getraenk aus dem Kuehlschrank zu nehmen, weil ich dachte, das sei unhoeflich (wobei sie mir vorher gesagt haben, ich solle mir nehmen, was ich wolle, und mich wie zu Hause fuehlen...haha). Schon komisch, wenn man mit voellig fremden Menschen auf dem Sofa pimmelt und in dem Moment erst realisiert, dass man mit denen jetzt ein Jahr zusammen leben wird. Wie eine Familie und es doch fremde Menschen sind und man zu allem uebel auch noch fuer sie arbeitet. Was ist das fuer ein Verhaeltnis (dazu schreibe ich spaeter nochmal einen ausfuehrlichen Bericht)?
Jetzt, nach vier Monaten, und vielen Erfahrungsberichten von anderen Au Pairs und Freundinnen, kann ich sagen, dass ich es verdammt, verdammt gut getroffen habe und es nicht besser haette laufen koennen. Meine Familie und ich sind so - zwei Finger aneinder reiben. Wir sind Freunde, ein gutes Team und es laeuft wirklich perfekt. TJ ist auch (meistens) ein knuffeliger, kleiner, lieber, kasachischer Junge und die Katzen und ich sind ebenfalls so - zwei Finger aneinander reiben. Ich fuehle mich hier richtig wohl, ich komme mit allen Verwandten sehr gut klar, ich liebe alle und es gibt nichts, ausser die boellernde Heizung in meinem Zimmer und die Kaelte, was mich stoert. Lisa, Jon und ich haben definitiv mehr ein freundschaftliches als ein Arbeitsverhaeltnis und wir sind dicke Kumpels. Ich liebe meine Stadt so sehr, das ist schon fast koerperlich (igitt) und wenn ich jetzt daran denke, dass ich TJ naechstes Jahr verlassen muss und jemand anders kommt, oh oh....lieber nicht darueber nachdenken. Wenn ich Donnerstag Zeit habe, stelle ich, glaube ich, erstmal meine Familie vor. Die kennt ihr ja noch gar nicht richtig!
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