Ich studiere seit zwei Wochen Volkskunde und das oben geschilderte ist so letzten Dienstag passiert. Es nennt sich Wahrnehmungsspaziergang. Die erste Woche diente der Orientierung an der Uni und war begleitet von emotionalen Hochs und Tiefs. Am Montag um 10 Uhr trafen sich 25 Neuvolkskundler im Raum 209 des Instituts für Volkskunde im Gebäude ESA W (Edmund-Siemers-Allee West) mit ihren Tutoren. Es war wie beim ersten Tag im Gymnasium. Nur netter. Man kannte sich nicht, lächelte sich vorsichtig an, war schüchtern und beobachtete die Szene und jeden, der neu durch die Tür kam. Wir stellten uns gegenseitig vor und stellten fest, dass wir eine bunt gemischte Gruppe aus Abiturienten, Einklägern, Müttern, Vätern, Ü30ern und einer Gehörlosen waren. Alle schienen auf den ersten Blick nett und hochmotiviert - natürlich, das ist man immer die ersten 24 Stunden.
Alles, was die Tutoren begeistert über das "tollste Fach der Welt" erzählten, wurde von zwei Dolmetscherinnen für das gehörlose Mädchen übersetzt. Natürlich war es für uns anderen dadurch sehr schwer, den Tutoren, die sich echt Mühe gaben, zuzuhören und nicht gespannt die lautlose Konversation zwischen Thora und ihren Dolmetschern zu beobachten. Ich lerne übrigens gerade ein bisschen Gebärdensprache von Thora und kann schon: Ich heiße Lisa. Wie heißt du? Was hast du heute gemacht? Wie gehts dir? Mir gehts gut. Butter, Mutter und Kulturanthropologie sagen. Wirklich sehr, sehr interessant. Zum Beispiel ist es bei Thora so, dass auch ihre Eltern taub sind und so ihre Muttersprache deutsche Gebärdensprache ist. Das heißt, sie kann gar nicht richtig deutsch, was sich so auswirkt, dass sie zum Beispiel nix anstatt nicht schreibt. Wir kommunizieren nämlich über Handy mit ihr, wenn die Dolmetscher nicht dabei sind. Gestern waren wir auf der Erstisparty in einem Club und auch Thora hatte zwei Freunde mitgebracht. Wir waren vier normalhörende und drei gehörlose, was echt spannend war. Ich bin dann zum DJ gegangen und habe ihn gefragt, ob er den Bass stärker drehen könnte, sodass die Gehörlosen auch etwas von der Musik hatten - er hat das auch netterweise getan und so konnten wir alle tanzen. Durch Leute wie Thora bekommt man nochmal einen ganz anderen Bezug zu solch im Normalfall eher unwichtigen Dingen und merkt erst, wie dankbar man sein kann, richtig hören zu können. Wobei man für sie sagen kann, dass man ihr in keinster Weise anmerkt, dass sie das stört, beziehungsweise dass sie eingeschränkt ist. Wir anderen versuchen sie auch überall mit hinzunehmen und haben immer Stift und Block oder Handy bereit.
Aber zurück zur Orientierungswoche. Unsere Tutoren bestärkten uns nochmals in unserem Studiumswunsch, wurden die meisten von uns doch bis dahin immer belächelt, wenn sie sagten, was sie studieren würden. Sätze wie:
- Und womit willst du später mal dein Geld verdienen?
- Was kann man später damit mal machen?
- Volkskunde? Ist das VWL?
Sind uns allen schon begegnet. Die Tutoren, selbst Volkskundler höheren Semesters berichteten uns von vergangenen Hausarbeiten, Exkursionen, hilfsbereiten Professoren und anderen Anekdoten zum Thema Volkskunde. Außerdem stellten sich unseren zukünftigen Dozenten und Professoren vor und ließen immer mehr Begeisterung für Volkskunde aufkommen. Hausarbeiten über Tupperparties, U-Bahngespräche, Müll oder das Einkaufsverhalten junger Menschen beim Grillen im Stadtpark schienen an der Tagesordnung zu liegen und nicht abwegig zu sein. Dadurch, dass wir nur um die 20 Leute waren, kam schnell ein Klassengemeinschaftsgefühl auf und nach zwei Tagen kannte man sich auch schon mit Namen. Donnerstag Mittag hatte ich anderthalb Stunden Einführung in mein Nebenfach Soziologie und musste erstmal kräftig schlucken, als ich die Tür zum Anna-Siemens-Hörsaal aufschlug und dort Platz für 500 Leute war. Ich setzte mich einfach irgendwo dazu und langsam füllte sich der triste Saal mit geschätzten 400 Leuten. Alles Nebenfächler. Der Dozent vorne wirkte ziemlich abgekämpft und erschöpft. Er redete schnell und lustlos sein Skript runter und schien dabei vergessen zu haben, dass wir blutige Anfänger waren, die das System noch nicht verstanden haben und so kam prompt ein Fragenhagel auf ihn zu, nachdem er geendet hatte. Mir gefiel das alles nicht, hatte ich mich doch jetzt an das schöne, neue ESA W Gebäude gewöhnt, in kleiner Runde zu sitzen, alle Dozenten zu dutzen und sich irgendwo auch geborgen und sicher zu fühlen. Hier in der Soziologie Einführung wurde einem der ganze Mut wieder genommen. Leider ist diese große, karge Anonymität und Distanz zu den Profs ja an der Tagesordnung in deutschen Unis. Aber wie Hector schon sagte: Man vermiest sich sein Glück, indem man Vergleiche anstellt. Das zog meine Laune also ein bisschen runter, aber gottseidank zogen wir dann abends erst in die Schanze, um anschließend auf dem Kiez zu versacken. Die Kneipentour stand an. Es floss viel Astra Urtyp und der Abend war wirklich lustig! Am Freitag beendeten wir die Woche dann mit einem üppigen Frühstück und schauten dabei volkskundliche Filme, die im Institut produziert wurden.
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